Transkript: Zahnmedizin (193)

Transcript: omega tau 193 – Zahnmedizin

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Letzten Herbst war ich erneut an der Universität Witten-Herdecke. Ich habe dort ein langes Gespräch mit Prof. Stefan Zimmer zum Thema Zahnmedizin geführt. Dabei ging es vor allem darum, wie ein Zahn aufgebaut ist, welche Erkrankungen an den Zähnen auftreten, wie man sie behandelt und was man zur Prophylaxe tun kann.

 

[00:02:21] Mein Name ist Stefan Zimmer, ich bin Zahnarzt, habe in den Jahren 1983-88 an der Freien Universität in Berlin Zahnmedizin studiert, war dann nach dem Studium erst mal als Assistenz-Zahnarzt in einer Praxis, weil ich eigentlich auch immer die Idee hatte, mal selber eine Praxis zu haben, bin dann aber irgendwie doch wieder am Ende an der Universität gelandet, war erst mal ein Jahr als Assistent an der Uni in Marburg, bin dann zurück gekommen an die Freie Universität nach Berlin, dann später durch die Fusion, die in Berlin stattgefunden hat nach der Wiedervereinigung, war ich dann ab 1994 an der Humboldt-Universität. Die medizinische Fakultät war und ist die Charité. Dann bin ich 2008, nein 2003, nach Düsseldorf an die Heinrich-Heine-Universität gewechselt und bin jetzt seit 2008 hier an dieser Universität Witten-Herdecke, die sich in der Stadt Witten befindet. Und ich bin Lehrstuhl-Inhaber für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin. Das ist also der gesamte Bereich, der sich… Ich sag mal, der erstens versucht, Zähne gesund zu erhalten und dann, wenn das doch nicht gelungen ist, versucht, sie zumindest vor der Extraktion, also vor dem Ziehen, zu bewahren. Das ist das, was Zahnerhaltung ausmacht. Also Wurzelkanalbehandlung, Füllungen, Teilkronen, alles was so dazu gehört. Das ist eigentlich mein Schwerpunktgebiet.
[00:04:10] Und insgesamt ist hier an der Uni Witten-Herdecke eine, das heißt hier glaube ich Departement, für Zahnheilkunde. Das heißt, man kann hier Zahnmedizin studieren.
[00:04:21] Ja. Also die Organisationsstufe oberhalb der Lehrstühle und Abteilungen nennt sich Department. Das ist die englische Aussprache. Und das ist sozusagen die Unterabteilung einer Fakultät. Wir haben eine Fakultät für Gesundheit. Zu dieser Fakultät für Gesundheit gehören die Bereiche Humanmedizin, wo man also normaler Arzt werden kann, also Medizin studieren kann. Dazu gehört der Bereich Pflegewissenschaft. Das ist in Witten etwas ganz Besonderes. Die Pflegewissenschaft ist hier sehr stark, ist ja ein großes Thema aktuell und auch ein großes Zukunftsthema. Dann gibt es das Department für Psychologie und Psychotherapie und eben dann natürlich auch das Department für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Ich bin der Leiter dieses Departments und da kann man, ja, Zahnmedizin studieren, um später Zahnarzt zu sein.
[00:05:15] Okay. Und wir hatten uns ja im Vorfeld schon so ein bisschen abgestimmt mit den Fragen. Das Thema Zähne, Zahnmedizin ist ja ein wahnsinnig großer Bereich. Wenn man noch die Kieferorthopädie dazu nimmt, noch ein größerer Bereich. Und ich denke, wir werden jetzt heute mal so mehr über die Grundlagen sprechen. Wir haben auch einiges an Hörerfragen bekommen. Die gingen mehr in Richtung, ich nenne das mal Anwenderfragen. Wir haben auch Fragen bekommen so in Richtung: Welche Zahnpasta soll ich benutzen? Das ist vielleicht jetzt ein bisschen zu spezifisch, aber ich denke, heute wird es mal um die Grundlagen gehen. Das heißt, fangen wir doch einfach mal so damit an: Was ist denn überhaupt ein Zahn?
[00:05:57] Ja, das ist eine gute Frage. Was ist ein Zahn? Also ein Zahn ist letzten Endes ein Kauwerkzeug, beziehungsweise ein Teil unseres Kauwerkzeugs. Entwicklungsgeschichtlich leitet sich das aus der Haut ab, aber ich glaube, das wäre vielleicht doch ein bisschen zu kompliziert, um darauf jetzt einzugehen. Letzten Endes ist der Zahn ein Gebilde, das mit mehreren Kollegen im Kiefer steckt, und zwar im Kieferknochen. Es steckt aber nicht einfach nur im Kieferknochen drin, weil das würde nicht funktionieren. Beim Kauen würde es durch die hohen einwirkenden Kräfte, würde der Zahn dann heraus brechen. Sondern der Zahn ist elastisch an Fasern im Knochen aufgehängt und diese Fasern, die werden, wenn ich auf den Zahn drauf beiße, werden die auf Zug belastet. Man muss sich das so vorstellen wie beim Bungee-Springen. Der Mensch hängt in einem Gummiband drin und ungefähr genauso hängt der Zahn in einem Faserapparat in dem Knochenfach drin. Und der Witz ist, dass Knochen sich auf Druckbelastung abbaut. Das sieht man häufig bei älteren Menschen, die Prothesen tragen, die einfach so auf der Schleimhaut und dann letzten Endes auf dem Knochen drauf liegen. Da bildet sich der Kiefer dann im Laufe der Jahre zurück, der Knochen wird weniger. Auf Zug wird der Knochen stärker. Das hat auch für den gesamten Körper eine physiologische Begründung, denn unsere Muskeln, die setzen ja mit den Sehnen am Knochen an und wenn meine Muskeln stärker werden, das heißt, stärker am Knochen ziehen, dann muss der Knochen ja auch dicker werden, um dieser Belastung standzuhalten. Und deswegen hat die Natur das so geregelt, dass auf Zug der Knochen stärker wird. Auf Druck wird er schwächer. Und das ist ein Nebeneffekt, der durch die elastische Aufhängung des Zahnes im Knochen erfolgt. Dass dadurch, durch das Kauen also dann der Knochen eher gestärkt als geschwächt wird. Und man kann natürlich Stöße, die beim Kauen entstehen, sehr viel besser abfangen, wenn ein Zahn elastisch aufgehängt ist, als wenn er jetzt starr in den Knochen einbetoniert wäre. Dann könnte er heraus brechen. Das ist jetzt also die Befestigung des Zahnes im Kiefer. Und diese Art der Befestigung impliziert natürlich auch, dass das eine Möglichkeit oder ein Risiko ist für die Erkrankung des Zahnes. Denn dieser elastische Faserapparat, den man auch Zahnhalteapparat nennt, der kann – und das ist leider gar nicht so selten – von Bakterien befallen werden, weil quasi keine richtige Abdichtung zur Mundhöhle besteht. Also die Zähne… Die Bakterien, die in der Mundhöhle in großer Zahl leben, die können sich so am Übergang vom Zahn zum Zahnfleisch absiedeln und können dann so langsam an der Zahnoberfläche, an der Wurzeloberfläche, entlang in die Tiefe wandern und dort eine Entzündung verursachen. Und diese Entzündung, die sorgt dann für eine Zerstörung dieses Halteapparates und letzten Endes auch für die Zerstörung des Knochens. Aber erst mal wollten Sie ja eigentlich nur wissen, was ein Zahn eigentlich ist. Ich habe jetzt versucht, mal so den Einzelzahn so ein bisschen zu beschreiben. Man kann die Zähne auch einteilen in verschiedene Gruppen. Es gibt die Schneidezähne, das sind die vorderen vier Zähne jeweils in beiden Kiefern, also oben und unten. Die dienen dazu, Speisen durchzubeißen. Also wenn ich eine Salzstange in den Mund nehme, dann beiße ich die erst mal mit den Schneidezähnen ab. Daneben befinden sich die Eckzähne. Das sind die Zähne, die man bei den Raubtieren auch als Reißzähne bezeichnet. Die dienen dazu, Beute festzuhalten. Das ist bei uns jetzt nicht mehr der Fall, weil wir keine weglaufende Nahrung zu uns nehmen. Aber die sind trotzdem… Die sind sehr stabil und die sind trotzdem wichtig, um sich festzubeißen sozusagen in einem Stück Nahrung und dann etwas abzureißen. Die haben aber auch eine ganz wichtige Führungsfunktion für das Gebiss. Also der Mensch beißt ja anders als ein Krokodil. Beim Krokodil geht ja die Klappe immer nur auf und zu. Der Mensch isst eher wie ein Kamel, das heißt also neben Auf- und Zu-Bewegungen kommen da auch noch so seitwärts mahlende Bewegungen hinzu. Da ist es dann wichtig, dass bei der Seitwärtsbewegung die Zähne im Seiten- und im Frontzahnbereich nicht zu sehr übereinander schleifen, sonst würden sie sich ganz schnell abnutzen. Und dafür sorgen die Eckzähne. Die Eckzähne, die sorgen dafür, weil sie sich gegenseitig ineinander verzahnen, also Eckzähne von Ober- und Unterkiefer. Wenn ich eine Seitwärtsbewegung mache, dann geht der Biss auf, wenn ich eine richtige Verzahnung habe und dadurch werden die Frontzähne, also die Schneidezähne, und die Backenzähne vor zu starker Mahlbelastung geschützt. Das kann jeder zuhause am Spiegel selber mal ausprobieren. Zubeißen, dann im Zahnkontakt die Zähne einmal nach links und einmal nach rechts schieben. Dann kann man sehen, wie es zur Mundöffnung durch die Führung der Eckzähne kommt. Das sind also… Schneidezähne und Eckzähne zusammen bilden die Frontzähne. Und dahinter kommen dann die Backenzähne, die man nochmal untergliedert in sogenannte Prämolaren. Das sind die – auf Deutsch – die Vormahlzähne. Das sind Backenzähne mit einer Kaufläche, die aber klein sind. Und dahinter kommen dann die Molaren, die eigentlichen Mahlzähne. Das sind in jeder Kieferhälfte, beziehungsweise in jedem Kieferviertel muss man eigentlich sagen. Man unterteilt den Kiefer einmal oben und unten und dann rechts und links und jeder Mensch hat also zum Beispiel rechts unten zwei von diesen kleinen Prämolaren und dann auch zwei Molaren plus den Weisheitszahn. Den hat aber nicht jeder, der ist ungefähr nur bei 50 % der Bevölkerung angelegt. Und zusammen gerechnet ergeben das für das gesamte Gebiss mit Weisheitszähnen 32 Zähne, ohne sind es 28. Vielleicht sollte ich noch etwas zu den Wurzeln sagen. Ich habe eben schon erklärt, wie die aufgehängt sind. Die Frontzähne, die haben eine Wurzel normalerweise. Ganz selten kommt es vor, dass auch vielleicht mal ein zweiwurzliger oder zumindest zweikanaliger Zahn vorkommt bei Eckzähnen. Und die Backenzähne, die haben unterschiedliche Zahlen. Die Prämolaren, also die kleinen Backenzähne, haben normalerweise eine Wurzel, mit Ausnahme des ersten oberen Prämolaren, der hat meistens zwei. Und die oberen Backenzähne, die haben normalerweise drei Wurzeln und die unteren Backenzähne zwei.
[00:13:50] Das scheint ja individuell sehr verschieden zu sein, wenn Sie immer sagen „meistens so, manchmal aber so“.
[00:13:55] Ja, das kann individuell ein bisschen variieren. Wobei, dass Frontzähne nur eine Wurzel haben, das ist eigentlich sehr stabil. Es kommt ganz selten vor, also habe ich persönlich auch bisher ganz selten gesehen, dass mal ein Frontzahn eine zweite Wurzel hat. Das ist eigentlich schon eine Abweichung. Eine gewisse Variabilität gibt es bei den ersten Prämolaren im Oberkiefer. Die haben zwar auch meistens zwei Wurzeln, aber da kann es auch schonmal vorkommen, dass es nur eine ist. Und ansonsten ist es eigentlich so, wie ich es gesagt habe, ziemlich stabil. Nur, was stärker variiert, ist dann die Anzahl der Wurzelkanäle, die sich da drin befindet. Das spielt mit eine Rolle, wenn eine Wurzelkanalbehandlung gemacht werden muss. Da ist natürlich erst mal in jeder Wurzel ein Kanal drin, das heißt also, wenn ich einen dreiwurzligen Zahn habe, dann sind es auch drei Kanäle. Es kann aber durchaus sein, dass in einer Wurzel mal zwei Kanäle drin sind. Das ist relativ häufig bei den oberen ersten Backenzähnen der Fall, dass wir da vier Kanäle haben, obwohl die nur drei Wurzeln haben. Und bei den Unterkiefer-Backenzähnen ist es so: Die haben zwar nur zwei Wurzeln, aber die vordere Wurzel, die ist eigentlich verschmolzen aus zwei eigenständigen. Und deswegen habe ich da auch, man kann sagen immer, zwei Kanäle drin.
[00:15:43] Was ist denn der Wurzelkanal?
[00:15:45] Der… Naja… Also jetzt muss ich doch nochmal ein kleines bisschen ausholen. Also ein Zahn besteht ja, also zumindest der Teil des Zahnes, den wir in der Mundhöhle sehen, der besteht aus… Der ist bedeckt von Zahnschmelz. So, das ist eine sehr harte Substanz, die uns gute Dienste leistet beim Kauen. Unten drunter, das ist die Hauptmasse des Zahnes, liegt das Dentin. Das Dentin ist eine Zahnhartsubstanz, die ist gelblicher, nicht so schön weiß wie der Schmelz. Und die ist auch nicht so hart wie der Schmelz. Die entspricht eher dem Knochen. Das macht die Hauptmasse und eigentlich die ganze Form des Zahnes aus, einschließlich der Wurzel. Auf den Wurzeln ist kein Schmelz drauf. Schmelz ist nur auf der sogenannten Zahnkrone drauf, also dem Teil, der aus dem Zahnfleisch raus guckt. Und im Inneren dieses Dentinkerns, da ist ein Hohlraum. Und in diesem Hohlraum ist das drin, was man landläufig als den Zahnnerv bezeichnet. Das ist aber, das sagen wir deswegen so, weil das weh tut. Und da sagen wir: „Der ist mir auf den Nerv gekommen, das hat weh getan.“ Da ist aber sehr viel mehr drin als nur Nerv. Da sind Blutgefäße drin, da sind Lymphgefäße drin, da ist Bindegewebe drin und da sind eben auch Nervenfasern drin. Und dieser Hohlraum im Inneren des Zahnes, der hat eigentlich die gleiche Form wie das Äußere des Zahns, nur sehr viel kleiner. Steckt also da so in der Mitte drin und verlässt… Ist also ganz eingeschlossen, außer an den Wurzelspitzen, die ja im Knochen drin stecken. Dort verlässt dieses Gewebe den Zahn in Form von Blutgefäßen, Nervenfasern, Lymphgefäßen. Das ist klar, die müssen ja zu unserem Kreislaufsystem irgendwie und zu unserem Nervensystem eine Verbindung haben. Deswegen hat jede Wurzel am unteren Ende, da wo sie im Knochen drin steckt, ein kleines Loch, wo diese Gefäße und Fasern austreten. Und den Wurzelkanal, das war ja Ihre Frage, der Wurzelkanal ist der Teil dieses Hohlraumes, den ich eben beschrieben habe, der sich in der Wurzel befindet. Da gibt es ein sogenanntes Kronenkarum, also das ist der Hohlraum, der sich in der Zahnkrone, im Inneren der Zahnkrone befindet. Der hat dann auch so die Form wie die Zahnkrone, aber deutlich kleiner. Und da, wo das dann in die Wurzeln übergeht, da zieht sich das aus zu einem Kanal. Und sowohl das Kronenkarum als auch der Wurzelkanal, die sind bei Kindern und bei jugendlichen Patienten noch ziemlich groß. Die werden im Laufe des Lebens immer kleiner, weil das Dentin, also die innere Substanz, die innere Zahnhartsubstanz des Zahnes, das ist lebendiges Gewebe. Zwar sehr stark mineralisiert, aber das lebt noch und das kann sich auch weiter bilden im Laufe des Lebens. Und das bildet sich auch, aber nicht nach außen, sondern nur nach innen. Und dadurch wird dann natürlich dieses Weichgewebe, das wird dann immer kleiner, zieht sich immer mehr zurück und irgendwann, bei alten Menschen und wenn der Zahn vielleicht auch schon stark vorgeschädigt ist, also wenn da schon oft Füllungen gemacht worden sind, dann ist dieser Hohlraum so klein geworden und diese Wurzelkanäle sind dann so eng geworden, dass man die kaum noch sieht. Und dann ist es oft sehr schwierig, da noch eine Wurzelbehandlung zu machen, weil man diese Kanaleingänge nicht mehr findet. Da muss man dann oft schon mit einem Operationsmikroskop gucken, um die zu erkennen. Und nur, wenn man diesen Eingang findet, hat man natürlich auch eine Chance, eine richtige Wurzelbehandlung zu machen.
[00:19:54] Und wie heißt dieses innere Gewebe, was in dem Dentin drin ist? Was wir als Nerv bezeichnen als Laien?
[00:20:01] Das nennt man die Pulpa. Die Zahnpulpa. Das ist also nichts anderes als ein Weichgewebe, kann man sagen, was in dem Zahn drin ist.
[00:20:08] Das ist letztendlich das, was den Zahn oder das Dentin versorgt?
[00:20:12] Genau, was ihn am Leben erhält.
[00:20:16] Und der Zahnschmelz ist dann aber tote Substanz?
[00:20:21] Zahnschmelz ist absolut tote Substanz. Da sind keine Zellen mehr drin. Deswegen ist der Zahnschmelz auch nicht regenerationsfähig. Das heißt also, der Schmelz, der weg ist, der ist weg, kann nicht mehr vom Körper neu gebildet werden, während Dentin an der Stelle, wo es weg ist – also wenn ich jetzt als Zahnarzt ein Stück weg gebohrt habe, dann wird das auch nicht mehr neu gebildet, aber als Reaktion darauf kann die Pulpa von innen wieder Dentin neu bilden, um einfach wieder einen gewissen Sicherheitsabstand zu dem Schaden, der durch die Karies zum Beispiel gesetzt worden ist, zu haben. Und der Unterschied zwischen Schmelz und Dentin besteht eben unter anderem auch darin, dass an der Innenseite des Dentins, da wo die Pulpa, also dieses Weichgewebe anfängt, da sitzen die ganzen Zellen, die Dentin bilden können. Und das Dentin selber ist durchzogen von ganz feinen Kanälchen. Die gehen bis zur Grenze, bis zur Schmelzgrenze, da ist dann dicht. Und in diese Dentinkanälchen hinein, da gehen die Fortsätze dieser dentinbildenden Zellen, die reichen da hinein. Man nennt das die Odontoplasten-Fortsätze. Und Nervenfasern gehen da im Übrigen auch rein, so dass also das Dentin durch diese Zellen auch während seiner Gebrauchsperiode ernährt werden kann. Und diese Dentinkanälchen, die nehmen wir normalerweise nicht wahr, solange nur der Teil des Zahnes in die Mundhöhle guckt, wo der Schmelz drauf ist, weil dann ist oben alles schön dicht und isoliert. Aber im Laufe des Lebens bildet sich das Zahnfleisch ja häufig ein bisschen zurück und dann liegt plötzlich eine Stelle frei, die wir Zahnhals nennen. Das ist so der Übergang von der Krone, wo der Schmelz drum ist, zur Wurzel, wo kein Schmelz mehr drum herum ist. Und dann liegt da so Wurzeloberfläche frei. Und dann kann es passieren, dass diese kleinen Dentintubuli, die ich eben beschrieben habe, diese kleinen Röhren im Dentin, dass die eine direkte Verbindung haben zwischen Mundhöhle und der Pulpa, also dem Weichgewebe im Inneren des Zahnes. Und das kann zu Schmerzen führen. Das kann ich mir gut vorstellen, wenn ich dann von außen auf diese freigelegten Dentintubuli irgendetwas sehr Kaltes bringe oder etwas sehr Heißes, dann werden die Nervenfasern gereizt und dann gibt das so einen stechenden Schmerz.
[00:23:07] Und die Zahnwurzel besteht auch aus Dentin?
[00:23:13] Ja. Also da ist an der Oberfläche nochmal eine ganz dünne Schicht Wurzelzement. Also auf dem Dentin drauf ist Wurzelzement und in diesem Wurzelzement, da sitzen eigentlich dann die Fasern, an denen der Zahn aufgehängt ist.
[00:23:32] Genau, das wollte ich jetzt nämlich fragen. Ich weiß gar nicht, wie das ist. Der Kiefer, hat der so Vertiefungen, wo die Zähne drin sitzen? Das heißt, da ist im Prinzip ein Loch, da steckt der Zahn drin, oder die Zahnwurzel und die ist jetzt aber halt quasi… Also das Dentin ist nicht an dem Knochen fest gewachsen, sondern an diesem Wurzelzement hängen wiederum kleine Fasern, die sich am Knochen festhalten.
[00:24:01] …die am Knochen befestigt sind. Genau so ist das. Also man kann sich das so vorstellen: Wenn man einen gezogenen Zahn – da hat vielleicht jeder eine Vorstellung davon, wie der aussieht – wenn man den so in die Hand nimmt, dreht ihn herum und guckt die Wurzeln an, dann ist im Kiefer ein Loch, was genau dieser Wurzelstruktur des Zahnes entspricht, nur ein kleines bisschen größer, so dass der also wie ein etwas zu großer Schuh, schlackert also sozusagen der Kiefer an dem Zahn, der hätte da Spielraum. Und dieser Spielraum, der so weniger als 1 Millimeter beträgt, das ist der Raum, in dem dieser Faserapparat sich ausbreitet.
[00:24:47] Und aus was sind die Fasern? Also ist das auch lebendig oder wie kann man sich das vorstellen?
[00:24:52] Ja klar, das sind lebendige Fasern. Das sind elastische Fasern, Kollagenfasern, und die können im Prinzip auch neu gebildet werden, aber die haben eine ziemlich schlechte Regenerationsfähigkeit und das dauert sehr lange. Also wenn die verloren gegangen sind, dann kann man diese Fasern – zum Beispiel durch eine Entzündung des Zahnhalteapparates – dann könnte man die eigentlich wieder neu bilden. Das Problem ist nur, dass die in ihrem Bedürfnis die Wurzeloberfläche zu bedecken und den Knochen zu bedecken konkurrieren mit den Epithelzellen, die überall auf unserer Haut, auf unserer äußeren Haut, vorkommen und auch die Schleimhäute bedecken. Also jede äußere Fläche, zu der auch der Mund und eigentlich auch der ganze Darm und Magen gehört, ist bedeckt von Epithel. Und dieses Epithel, das hat eine extrem schnelle Regenerationsfähigkeit, was man daran erkennt, wenn man sich schneidet – ich habe mir hier kürzlich eine Verletzung am Arm zugezogen -, dann ist das innerhalb von ein paar Tagen wieder zugewachsen, weil die Epithelzellen, die wachsen da ganz schnell von der Seite wieder drauf, die dichten das ab. Das ist ja auch wichtig dafür, um unseren Körper vor Schaden zu bewahren. Am Zahn kann es ein Nachteil sein, weil diese Epithelzellen eben sehr schnell in die Tiefe wachsen. Und wenn die schonmal da sind, dann können die Fasern, an denen der Zahn aufgehängt ist, sich eben nicht mehr bilden. Da besteht also eine Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Zelltypen, den immer das Epithel gewinnt und das führt am Ende dazu, dass verloren gegangener Zahnhalteapparat, dass der nicht mehr sich wieder neu bildet, weil er einfach zu langsam ist, weil die Zellen, die den bilden, einfach zu langsam sind im Vergleich zu den Epithelzellen. Da gibt es Techniken, um das zu verhindern. Da macht man also tatsächlich, wenn man nur so eine kleine Tasche hat, die drei Wände hat, wo man quasi nur oben drauf einen Deckel legen müsste, dann legt man da eine Membran oben drauf, die verhindert, dass Epithelzellen in die Tiefe wandern können, so dass dann unten drunter der Zahnhalteapparat, die Zellen, die den Zahnhalteapparat, also die Bindegewebszellen letzten Endes, bilden, dass die mehr Zeit haben ihre Arbeit zu tun.
[00:27:41] Und dieses Gewebe, das den Zahn festhält, ist das genau… Also wenn Kinder ihre Milchzähne verlieren, lässt dieses Gewebe dann los?
[00:27:54] Nein, das weiß das Gewebe glaube ich nicht, dass es loslassen soll. Da passiert etwas anderes. Der Körper verschenkt ja nichts. Der Körper hat sich ja zum Beispiel das Calcium und das Phosphat, was in den Zähnen eingelagert ist, mühsam zusammen gesucht und angeeignet. Und das wäre jetzt eine Verschwendung, wenn der Körper zulassen würde, dass diese Zähne einfach so raus fallen. Deswegen resorbiert der Körper die Zähne. Das heißt also, wenn die Zeit gekommen ist, dass die Milchzähne ersetzt werden sollen, dann fängt der Körper an die Wurzeln der Milchzähne aufzulösen. Und das Calcium, was da drin ist, das behält er für sich und kann es dann entweder für den Knochen oder für die nachfolgenden Zähne benutzen. Und deswegen werden also die Milchzähne, deren Wurzeln werden immer mehr abgebaut und irgendwann ist nur noch die Zahnkrone da und die hängt dann nur noch so ein bisschen oben an den letzten Fasern des Halteapparates und die kann man dann relativ leicht beseitigen. Und irgendwann fällt das auch von selber ab, da fällt so ein Zahn ab. Aber das liegt schlichtweg daran, nicht, dass die Fasern aufgelöst werden, sondern der Zahn wird aufgelöst und dann haben die Fasern natürlich auch nichts mehr, wo sie sich dran festhalten können.
[00:29:24] Und warum haben wir überhaupt Milchzähne?
[00:29:27] Ja, das ist wirklich eine gute Frage. Warum haben Säugetiere – das gilt ja nicht nur für uns Menschen, das gilt ja für alle Säugetiere – warum haben wir zwei Dentitionen, nennt man das, also zwei Zahngenerationen letzten Endes? Ich glaube, endgültig kann Ihnen diese Frage niemand beantworten, aber ich kann da spekulieren und ich vermute mal, dass das zutreffend ist. Es liegt wahrscheinlich einfach daran, dass auch der kleine Mensch und das kleine heranwachsende Säugetier schon feste Nahrung zu sich nehmen muss und darauf auch für das Überleben angewiesen ist, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Und feste Nahrung kann man nur zerkleinern, wenn man Zähne hat. Also deswegen brauchen auch Kleinkinder und kleine Säugetiere Zähne. Wenn da jetzt schon die bleibenden Zähne durchkommen würden, dann würden sie ja in einem Kiefer stehen, der noch deutlich wächst. Also der Gesichtsschädel, wozu der Kiefer ja auch gehört, der wächst noch deutlich nach der Geburt. Und das würde dazu führen, dass dann später, wenn der Mensch ausgewachsen ist, er einen großen Kiefer und für diesen großen Kiefer zu wenig und zu kleine Zähne hätte. Es ist auch so, dass der Gesichtsschädel auch ein Höhenwachstum hat. Also der Kiefer… Der Gesichtsschädel wächst ja nicht nur nach vorne, sondern auch höher. Und dadurch hebt sich auch der Biss. Und wenn man da jetzt noch diese kleinen Milchzähne, die früher in ein Milchgebiss gepasst haben, drin hätte, dann wären die gar nicht lang genug, um diesen Abstand zwischen den beiden Kiefern, sage ich jetzt mal, zu schließen. Und wie gesagt, die Zähne wären dann viel zu wenig und viel zu klein, denn das Milchgebiss besteht – ich hatte ja eben gesagt, das bleibende Gebiss besteht aus 28 Zähnen, wenn man die Weisheitszähne dazu nimmt aus 32 – das Milchgebiss besteht nur aus 20 und die sind auch noch viel viel kleiner. Und deswegen hat sich die Natur das wahrscheinlich so überlegt, dass sie gesagt hat: Okay, solange das Kind noch wächst, kriegt es eine erste Garnitur Zähne, die zu seiner Größe, zur Größe der Kiefer passt. Und wenn dann der Mensch so langsam ausgewachsen ist, dann kommen die bleibenden Zähne hinzu, beziehungsweise ersetzen die Milchzähne. Das ist nämlich ganz interessant. Wir haben nämlich nicht alle Zähne zweimal. Wir haben zwar ein Milchgebiss und ein bleibendes Gebiss, aber nicht jeder Zahn wird ersetzt, sondern manche sind… Also wir unterscheiden zwischen sogenannten Ersatz-Zähnen und Zuwachs-Zähnen. Die Ersatz-Zähne, das sind die, die unter den rausgefallenen Milchzähnen heraus kommen, zum Beispiel bei den Schneidezähnen kann man das gut nachvollziehen. Und dann gibt es aber auch Zähne, die hinter dem Milchgebiss durchbrechen. Das ist zum Beispiel der berühmte Sechsjahrmolar. Den nennt man Sechsjahrmolar, weil er im Alter von sechs Jahren normalerweise durchbricht, heute übrigens meistens bei der guten Ernährung unserer Kinder schon mit fünf Jahren. Trotzdem wird man den wahrscheinlich nicht umtaufen. Er heißt also Sechsjahrmolar. Der heißt oft auch „der Sechser“. „Der Sechser“ heißt er jetzt aber nicht, weil er mit sechs Jahren durchgebrochen ist, sondern weil er der sechste Zahn in der Reihe ist.
[00:33:22] Okay, von vorne dann gezählt?
[00:33:23] Man fängt… Man teilt den Menschen in der Mitte. Der Mensch ist ja zumindest als junger Mensch spiegelsymmetrisch, das heißt also, die eine Hälfte sieht so aus wie die andere, als wenn man sich im Spiegel angucken würde. Dann fängt man bei den mittleren Schneidezähnen an zu zählen und zählt bis hinten. Und dann ist der… Dieser Sechsjahrmolar ist dann „der Sechser“. Der Zwölfjahrmolar ist „der Siebener“ und der Weisheitszahn, den kennen viele wahrscheinlich auch unter dem Begriff „der Achter“. Also das ist der achte Zahn.
[00:33:52] Das ist eigentlich ganz interessant, oder? Weil die Zähne sind so das Einzige, wovon man zwei Garnituren hat. Also man kriegt ja nicht ein neues Paar Ohren, wenn man erwachsen wird oder irgendwas anderes.
[00:34:03] Ja, wenn man alt wird, werden die Ohren manchmal größer.
[00:34:08] Aber dass sowas irgendwie ausfällt…
[00:34:09] Ja, das stimmt. Die Zähne sind das Einzige, was ersetzt wird. Ja, Sie haben völlig recht. Und es wäre schön, wenn wir einige andere Körperteile auch im Laufe unseres Lebens ersetzen könnten.
[00:34:21] Ja, wäre praktisch. Gut, und die Weisheitszähne, da haben Sie jetzt gesagt, die hat gar nicht jeder. Ich dachte immer, die hat jeder, aber nicht bei jedem kommen sie raus. Aber die sind gar nicht bei jedem angelegt?
[00:34:32] Nein, die kriegt ja nur derjenige, der weise wird.
[00:34:34] Ach so, okay.
[00:34:36] Das ist natürlich ein Scherz.
[00:34:36] Oh nein, mir haben sie sie rausgenommen.
[00:34:38] Die Weisheitszähne, die sind evolutionär auf dem Rückzug. Wenn man sich so unsere Vorgänger anguckt, so Urzeitmenschen, dann sieht man, dass die einen kräftigeren Kiefer und einen größeren Kiefer hatten als wir. Kann man auch gut nachvollziehen, die…
[00:35:01] …haben noch kein Messer und Gabel.
[00:35:03] Die haben noch kein Messer und Gabel gehabt und die mussten sich vor allen Dingen auch von rohen Nahrungsmitteln ernähren. Also sie haben rohes Fleisch gegessen und rohe faserige Art der Nahrung und haben deswegen natürlich einen kräftigeren Kiefer gebraucht mit mehr Zähnen, weil die mussten auch einfach länger kauen. Ich bin also sicher, dass unsere Vorfahren in gar nicht so langer Vergangenheit deutlich länger gekaut haben am Tag, als wir das heute machen. Wir kauen ja kaum noch. Und eine Reaktion der Evolution darauf ist, dass sie sagt: Okay, diesen letzten Zahn, den brauchen wir offensichtlich gar nicht mehr und deswegen fällt der immer häufiger weg. Wenn man jetzt wahrscheinlich nochmal 5000 Jahre in die Zukunft gucken würde, dann würde man wahrscheinlich sehen, dass der immer seltener wird, dieser Weisheitszahn. Häufig, ist richtig, was Sie sagen, häufig ist er da, kommt aber nicht raus, was aber auch ein Hinweis darauf ist: Unsere Kiefer sind kleiner geworden, deswegen ist für den kein Platz mehr. Also beides, ob er jetzt nicht raus kommt oder gar nicht da ist, zeigt, dass wir für den eigentlich gar keinen Platz mehr in unserem Mund haben und dass wir ihn nicht mehr brauchen. Und deswegen schafft ihn die Evolution nach und nach ab.
[00:36:25] Noch eine Frage zu den Grundlagen. Sie haben es schon gesagt: Zähne sind zu einem großen Teil aus Calcium aufgebaut. Das nimmt der Körper dann eben aus Milchzähnen zurück.
[00:36:36] Calciumphosphat, ja.
[00:36:38] Okay. Ist das das Gleiche wie Knochen, so mal vom Grundmaterial her? Weil wir haben jetzt schon gelernt, Zähne sind nicht das Gleiche wie Knochen, aber vom Material her?
[00:36:48] Also die mineralischen Bestandteile sind natürlich die gleichen. Also das ist Calciumphosphat, das nennt man auch Hydroxylapatit. Aber der Knochen, der ist schon anders strukturiert als die Zahnhartsubstanz. Also Zahnschmelz ist ja etwas, was eigentlich völlig anorganisch ist, also ist ein reines Mineral eigentlich, fast wie Stein. Da ist ein bisschen Wasser drin, aber im Normalfall dürfen da keine Zellen mehr drin sein. Wenn da noch Zellen drin sind, ist irgendwas schief gegangen bei der Entwicklung. Das Dentin, das habe ich ja eben erklärt, da sind noch Zellfortsätze drin, aber im lebenden Knochen, da sind ja im Knochen drin überall sogenannte Osteozyten und Osteoblasten. Also das sind Zellen. Osteoblasten sind Zellen, die den Knochen neu bilden können und Osteozyten sind einfach Knochenzellen. Und das ist ein wesentlicher Unterschied, dass da tatsächlich im Knochen eine Durchmischung ist zwischen Zellen und mineralisierter Substanz. Und das finden wir im Zahn so nicht. Für den Knochen, das ist ja auch wichtig, der Knochen hat ja auch eine sehr viel längere Wachstumsperiode und muss sich ja an die Erfordernisse des Körpers anpassen. Das Skelett wächst ja bei den meisten, bis wir etwa 16 sind oder so, während die Zähne, deren Größe ist von vornherein festgelegt. Die bilden sich dann in dieser Größe, die festgelegt ist, kommen raus und bleiben dann immer so. Also da verändert sich ja nichts mehr. Die brechen höchstens noch ein bisschen mehr durch. Also bei einem Sechsjährigen guckt da weniger aus der Schleimhaut raus als bei einem Zwölfjährigen. Aber der Zahn an sich, der verändert sich nicht mehr in seiner Größe.
[00:38:50] Und das Calcium nimmt der Körper aus der Nahrung?
[00:38:54] Aus der Nahrung, das nehmen wir aus der Nahrung auf.
[00:38:56] Also dann ist da schon etwas dran, dass man irgendwie Milch trinken soll oder so, damit die Zähne kräftig werden, als Kind?
[00:39:01] Ja, wenn die Zähne gebildet werden. Dann ist natürlich eine ausreichende Calcium-Zufuhr notwendig, aber die haben wir in unserer sehr doch ziemlich ausgewogenen Ernährung heute enthalten. Und ja, auch das Calcium und Phosphat aus den Zähnen wird aus der Nahrung entnommen. Interessanterweise, wenn es einen Mangel gibt, dann werden primär die Knochen betroffen. Also die Zähne, könnte man sagen, die Zähne benutzen eigentlich die Knochen als Calcium-Reservoir. Das heißt also, wenn es einen Mangel gibt, dann schnappen die Zähne sich das Calcium aus dem Knochen. Das heißt, die Zähne sind dann immer noch in Ordnung, wenn die Knochen schon durch Calcium-Mangel geschädigt sind. Und insofern kann man also sagen, Zähne beziehen ihr Calcium zwar aus der Nahrung, aber auch aus den Knochen.
[00:39:57] Also die haben halt eine höhere Priorität als die Knochen?
[00:39:59] Haben offensichtlich eine höhere Priorität, brauchen aber das Calcium auch nur während ihrer Bildungsphase. Ansonsten, wenn der Zahn dann in der Mundhöhle steht, dann wird er systemisch nicht mehr, außer – das, was ich vorhin erklärt habe – von der Innenseite das Dentin, klar, wenn da neues Dentin angebaut wird, dann muss da natürlich über den Blutkreislauf auch wieder Calcium herangeschafft werden. Aber außen, wenn der Zahn dann in der Mundhöhle steht, da wird natürlich systemisch kein Calcium und kein Phosphat mehr eingebaut. Da finden aber trotzdem Lösungsprozesse an der Zahnoberfläche statt. Also, weil der Zahn, der ist… Wie gesagt, man kann ihn als Mineral betrachten, insbesondere den Schmelz und Mineralien haben in wässrigen Lösungen immer eine Löslichkeit. Die ist nicht sehr hoch, aber trotzdem haben wir eine Löslichkeit. Das ist ungefähr vergleichbar mit Kochsalz, was Sie zum Spaghetti-Kochen in den Wassertopf machen. Das Salz löst sich auf und so löst sich auch der Zahn in einer wässrigen Lösung immer so ein bisschen auf. Und wenn wir in der Mundhöhle destilliertes Wasser hätten – destilliertes Wasser enthält ja außer H2O nichts, also keine Mineralien, das ist also extrem untersättigt in Bezug auf Calcium und Phosphat -, dann würde auf Dauer sich der Zahn auflösen, weil wir natürlich immer… Chemische Systeme versuchen immer, ein Gleichgewicht herzustellen und dann müsste immer aus dem Zahn Calcium und Phosphat in die wässrige Lösung überführt werden, damit da ein Lösungsgleichgewicht besteht. Aber da hat die Natur vorgesorgt, indem sie den Speichel mit Calcium und Phosphat so angereichert hat, dass von vornherein der Speichel im Bezug auf unsere Zahnhartsubstanz übersättigt ist, also im Bezug auf Calcium und Phosphat, damit sich da nichts auflöst.
[00:42:01] Das heißt, der Fluss würde eigentlich eher in die andere Richtung gehen?
[00:42:02] …würde eher in die andere Richtung gehen. Und dass das so ist, das erkennt man an einem Phänomen, unter dem Leute in unterschiedlicher Ausprägung leiden, nämlich der Zahnsteinbildung. Die Zahnsteinbildung zeigt, dass wir einen Überschuss an diesen Mineralien im Speichel haben und der lagert sich dann halt… Am Zahn kann sich das nicht mehr anbauen, aber das schlägt sich dann in Form von Zahnstein auf den Zähnen nieder.
[00:42:31] Ach so, das heißt, Zahnstein ist eigentlich ein positives Symptom, oder? Also es zeigt irgendwie, dass der Speichel ganz gut zusammengesetzt ist.
[00:42:39] Es zeigt, dass der Speichel im Bezug auf die Mineralien, aus denen der Zahn besteht, übersättigt ist und nicht untersättigt. Das ist eigentlich gut. Aber trotzdem lästig, wenn sich immer Zahnstein bildet. Zahnstein ist übrigens nichts anderes als versteinerte Zahnplaque. Also die bakteriellen Zahnbeläge, die sich auf unseren Zähnen bilden, die mineralisieren eben und werden zu Zahnstein.
[00:43:06] Okay. Haben wir noch irgendwas Wichtiges vergessen, was die Grundlagen betrifft oder könnten wir jetzt mal zum Kapitel Erkrankungen übergehen?
[00:43:16] Ja, ich hatte jetzt gedacht: Naja, zu den Grundlagen gehört eigentlich auch noch die Karies-Entstehung. Also wie kann das vorkommen, dass Karies entsteht. Aber damit sind wir ja dann gerade bei den Erkrankungen und dann kann ich es auch an der Stelle erklären.
[00:43:37] Genau. Karies ist, denke ich, so eigentlich die bekannteste Zahnerkrankung, oder?
[00:43:43] Weltweit, ja. Karies ist überhaupt nicht nur die häufigste Zahnerkrankung, sondern ist die häufigste Erkrankung weltweit.
[00:43:52] Ah ja, okay.
[00:43:54] Fast jeder Mensch hat Erfahrungen mit Karies. In Deutschland sind es bei der Erwachsenen-Population… Also schon bei den 35- bis 44-Jährigen sind das 99,8 %, die entweder Karies haben oder schonmal hatten.
[00:44:15] Wow, dann gehöre ich ja zu 0,02 %.
[00:44:19] Machen Sie mal den Mund auf, dann gucke ich mal. Ja, wenn das so ist. Aber Sie gehören aber natürlich auch noch nicht zur Gruppe der 35- bis 44-Jährigen.
[00:44:29] Doch. Okay, zurück zum Thema. Karies sind Bakterien, so viel weiß ich.
[00:44:37] Nein, Karies entsteht durch Bakterien. Es sind keine Bakterien. Obwohl, Sie haben recht, das ist irgendwo eine Definitionsfrage: Was ist eigentlich Karies? Gemeinhin versteht man unter Karies das schwarze Loch im Zahn, das weh tut. Es gibt allerdings auch die Sichtweise, die sagt: Karies, die Erkrankung Karies, ist eigentlich das Milieu in der Mundhöhle, das dazu führt, dass ich diese schwarzen Löcher bekomme. Und das schwarze Loch an sich ist nur das Symptom, aber nicht die Erkrankung selbst. Aber sei es drum, ich glaube, es weiß jeder ziemlich genau, was damit gemeint ist. Und Karies, auch wenn es manchmal anders dargestellt wird, ist Karies eigentlich keine Infektionskrankheit, also wie Tuberkulose oder die Pest oder auch ein Schnupfen oder sonst irgendeine Infektionskrankheit dadurch entsteht, dass ein bestimmter Keim, also ein Bakterium oder ein Virus in unseren Körper eindringt und dieses Vieh hat dann eine so stark krank machende Wirkung, dass wir die Krankheit bekommen. Das ist ja bei vielen Viruserkrankungen der Fall und das trifft für Karies nicht zu. Also die Bakterien, also Bakterien spielen zwar eine ganz wichtige Rolle bei der Karies-Entstehung, aber diese Bakterien sind keine grundsätzlich krank machenden Bakterien, sondern das sind Bakterien, die zu unserer ganz normalen Mundflora gehören und mit denen der Mensch und die Vorfahren des Menschen schon seit Millionen Jahren leben. Und im Grunde genommen können wir mit diesen Bakterien, also trotz der Anwesenheit dieser Bakterien, auch gesunde Zähne behalten. Ich behaupte jetzt auch mal, es könnte im Zweifelsfall sein, dass Sie mich vom Gegenteil überzeugen, aber ich behaupte mal, in Ihrem Mund, auch wenn Sie keine Karies haben, gibt es diese Bakterien auch. Das könnte ich jetzt feststellen, indem wir einen kleinen Abstrich machen würden. Also lange Rede, kurzer Sinn: Man kann mit diesen Bakterien, die Karies verursachen können, in Frieden leben und trotzdem gesunde Zähne haben. Das Problem ist eigentlich erst dadurch, zumindest in größerem Umfang, entstanden, dass wir uns ungesund ernähren. Also diese sogenannten Karies-Bakterien, das sind im Wesentlichen, was da immer genannt wird, sind die sogenannten Mutans-Streptokokken und die Laktobazillen und Aktinomyceten. Diese Bakterien, die sind eben imstande, relativ schnell Kohlenhydrate, niedermolekulare Kohlenhydrate, also kurzkettige Kohlenhydrate, sprich: Zucker, alles, was süß… Naja man kann nicht sagen „Alles, was süß schmeckt“, aber alles, was süß schmeckt und ein Kohlenhydrat ist, das können die sehr schnell verstoffwechseln. Und am Ende dieses Stoffwechsels stehen Säuren als Abfallprodukt. Und da der Zahn ja ein hochmineralisiertes Gewebe ist, der Schmelz noch stärker als Dentin, kann man sich gut vorstellen, dass dieses Gewebe anfällig gegen Säuren ist. Das kann jeder zuhause im Haushalt auch ausprobieren. Das setzt man ja auch oft zu seinem Nutzen ein, indem man Essigsäure auf verkalkte Badewannenränder oder Duschkabinenränder kippt und dann löst sich das auf. Das sind auch Calciumphosphat-Verbindungen, die wir da vorfinden und ähnliches passiert mit dem Zahn. Das heißt also, wenn ich die Bakterien, die in meiner Mundhöhle leben, wenn ich die immer schön mit Zucker füttere, dann nehmen die in ihrer Zahl zu, siedeln sich an der Zahnoberfläche ab in Form von bakteriellen Belägen. Diese Beläge, die werden dann auch mit der Zeit immer dicker, je besser ich die füttere. Und wenn ich dann diese bakteriellen Beläge und damit die darin enthaltenen Bakterien, wenn ich die dann weiter mit Zucker füttere, dann wird direkt an der Zahnoberfläche in diesen bakteriellen Belägen der pH-Wert sehr stark sinken, weil da viel Säure produziert wird. Und wenn der pH-Wert sinkt, dann wird der Zahn entkalkt. Dann ist dieses Lösungsgleichgewicht, von dem ich vorhin schonmal gesprochen habe, das gerät dann ins Ungleichgewicht und der Zahn muss, um das Gleichgewicht wieder herzustellen, Calcium und Phosphat in die Umgebung abgeben. Und dadurch entstehen zunächst mal Porösitäten in der Zahnoberfläche, im Schmelz. Die sind ganz ganz klein, aber die Bakterien sind eben auch sehr klein, denn die sind nur, haben so im Schnitt einen Durchmesser von 1 Mikrometer, ein Mutans-Streptococcus. Zum Vergleich: Ein rotes Blutkörperchen, was ja auch sehr klein ist, das hat einen Durchmesser von 7,5 Mikrometer etwa. Das heißt also, die Bakterien sind ganz ganz klein und die können durch diese Porösitäten in den Zahn einwandern, verstoffwechseln dort weiter Zucker, der auch durch diese Porösitäten eindringen kann und tragen so diesen Entkalkungsprozess immer mehr in die Tiefe des Zahnes, erreichen dann nach 1-2 Millimetern auch das Dentin und das Dentin besteht ja eben nicht nur aus mineralischen Substanzen, sondern da sind auch kollagene Fasern, also elastische Fasern drin. Und die können dann auch von Enzymen, die die Bakterien an Bord haben, zerstört werden. Und diese Kollagen-Fasern sind letzten Endes aber das Grundgerüst des Dentins. Und wenn die Kollagen-Fasern zerstört sind, dann bricht das alles zusammen und dann entsteht das Loch im Zahn. Jetzt ist mir aber eine Sache noch wichtig. Also es ist keineswegs so, dass in unserer Mundhöhle nur diese drei Baterienarten leben, die ich eben genannt habe, also Mutans-Streptokokken, Laktobazillen und Aktinomyceten, sondern es gab eine Zeit, da hat man quasi täglich neue Keime in der Mundhöhle entdeckt. Und heute wird eine Zahl von 1000 verschiedenen Bakterienspezies in unserer Mundhöhle genannt. Und bisher wissen wir von sehr vielen noch gar nicht genau, was die überhaupt machen, aber offensichtlich kommen wir ganz gut mit denen klar. Denn wenn man 1000 verschiedene Bakterienarten in der Mundhöhle hat und ist trotzdem gesund, dann können die mal zumindest nicht sehr schädlich für uns sein. Und möglicherweise sind die aber nicht nur nicht schädlich, sondern sogar auch nützlich für uns. Davon müssen wir mal ausgehen. Und deswegen muss ich auch sagen, ist dieser Versuch, den man über Jahre betrieben hat, nämlich Karies zu einer Infektionskrankheit zu erklären und zu versuchen, die Besiedelung des Mundraumes mit Keimen zu verhindern, ist das kompletter Unsinn. Also es gibt so Strategien, ich weiß nicht, ob Sie von denen schonmal gehört haben, dass man… Also ich fange lieber noch einen Schritt vorher an mit der Erklärung. Ein Kind kommt ja steril zur Welt. Wenn das Kind den Geburtskanal verlässt, dann kriegt es den Kontakt mit den ersten Keimen. Aber vorher ist es steril. Und auch in der Mundhöhle gibt es kein einziges Bakterium. Jetzt sind schlaue Leute auf die Idee gekommen und haben gesagt: Es ist klar, dass Karies durch Bakterien verursacht wird und es ist klar, dass der Mensch mit einer keimfreien Mundhöhle zur Welt kommt, also lasst uns doch mal versuchen, diesen Zustand der Keimfreiheit möglichst lange zu erhalten und lasst uns die Übertragungswege von Bakterien aus der Mundhöhle der Mutter in die Mundhöhle des Kindes, lasst uns die kappen. Und dann daraus sind so Sachen erwachsen wie, dass die junge Mutter ständig mit Chlorhexidin, also das ist eine antimikrobiell wirksame Substanz, spülen sollte, um die Keime in ihrer eigenen Mundhöhle zu reduzieren und damit die Keimübertragung auf das Kind zu reduzieren. Daraus kommen so unsinnige Empfehlungen wie, dass man ein Kind nicht küssen sollte, weil man dann Keime überträgt. Und auch diese jahrelang geübte Empfehlung – ich sage aber, ich habe mich daran nie beteiligt -, dass man einen herunter gefallenen Schnuller zum Beispiel nicht ableckt und dass man einen Löffel, den man dem Kind in den Mund steckt, nicht ablecken darf und dass man Speisen vorher nicht abschmecken darf und so weiter und so fort. Von diesen Empfehlungen haben Sie vielleicht schonmal gehört. Das basiert alles darauf, dass man die Idee hatte, diese Karies erzeugenden Keime aus der Mundhöhle fernzuhalten. Man muss sich aber eben darüber im Klaren sein, dass man damit auch die 997 anderen Spezies aus der Mundhöhle fernhält, von denen man nicht weiß, was die tun. Und die tun möglicherweise was Gutes. Deswegen halte ich so eine Strategie auch für fahrlässig. Man weiß eigentlich gar nicht genau, was man tut, man hat nur so eine Idee: „Wenn ich da die Keimbesiedelung verhindere, dann kann ich vielleicht Karies vermeiden“, hat aber überhaupt keine Vorstellung, welchen Schaden ich damit auf der anderen Seite auch anrichten kann. Und tatsächlich, vor zwei Jahren ist eine Veröffentlichung in einer internationalen kinderärztlichen Zeitschrift erschienen, die gezeigt hat, dass Kinder, deren Schnuller nicht abgeleckt worden ist, sondern immer abgespült worden ist, bevor man den wieder in den Mund gesteckt hat, dass die ein erheblich erhöhtes Risiko haben an Neurodermitis zu erkranken und an Asthma. Also, das Risiko an Asthma zu erkranken ist, wenn mein Schnuller abgeleckt worden ist, nur 12 % des Risikos, als wenn er nicht abgeleckt worden ist. Und bei Neurodermitis waren es irgendwie um die 30, 35 %. Und daran erkennt man… Das kann durchaus sein, dass es noch viele andere Erscheinungen gibt, die wir jetzt noch gar nicht erkannt haben. Daran erkennt man, wie gefährlich das ist, wenn man so isoliert immer nur einen Aspekt des menschlichen Lebens und auch der mikrobiellen Besiedelung betrachtet und dann irgendetwas unternimmt ohne das große Ganze wahrgenommen zu haben und damit übersehen zu haben, was man damit für Kollateralschäden verursacht.
[00:56:01] Ich habe nochmal eine Frage zu diesen drei Bakterien, die das Karies verursachen. Wir haben jetzt gesagt, im Mund ist Schleimhaut. Ist das Zahnfleisch auch Schleimhaut? Ich meine, das heißt Zahnfleisch, aber das ist ja nicht Fleisch, oder?
[00:56:14] Ja. Also man unterscheidet tatsächlich zwischen der Mundschleimhaut und dem Zahnfleisch im allgemeinen Sprachgebrauch oder der Gingiva, nennt man das zahnmedizinisch. Das ist beides Schleimhaut, aber das Eine ist beweglich und das Andere ist festgewachsen. Also wenn ich mir meine Zähne und das Zahnfleisch im Spiegel angucke, dann sehe ich da, wo die Zähne sind, da ist das Zahnfleisch so ein paar Millimeter um die Zähne drum herum und auch am ganzen Gaumen im Übrigen, ist es ganz festgewachsen und ziemlich derb, also hart. Das ist auch wichtig für das Kauen, weil da wo gekaut wird in direkter Nachbarschaft kann ich kein sehr empfindliches Gewebe gebrauchen, weil das wäre ständig verletzt und deswegen ist der Gaumen auch so derb ausgekleidet mit dieser festen… mit dem Zahnfleisch, wie man das eben nennt. Und wenn ich dann aber so von außen auf meine Zähne drauf gucke und vielleicht mal die Lippen so abziehe, dann kann ich sehen, dass es da so 4-5 Millimeter vom Zahnfleischrand entfernt, da wo der Zahn aus dem Knochen raus kommt, das ist so 4-5 Millimeter entfernt davon, da geht diese festgewachsene Gingiva, dieses festgewachsene Zahnfleisch über in eine bewegliche Schleimhaut. Und die ist sehr viel dünner und demzufolge auch sehr viel verletzlicher, aber die ist dann schon außerhalb des besonders gefährdeten Bezirks. Und das ist der Unterschied zwischen Schleimhaut und Zahnfleisch. Aber eigentlich, genau genommen ist natürlich auch das Zahnfleisch eine Schleimhaut.
[00:58:06] Okay. Wo ich eigentlich drauf hinaus wollte, war: Diese Bakterien, die leben irgendwie im Mund und damit wahrscheinlich auch auf der Schleimhaut. Sind die auch irgendwo anders? Also habe ich die Bakterien auch im Darm oder sind das Bakterien, die speziell nur im Mund leben?
[00:58:20] Ja, das ist eine gute Frage. Also erstens mal, ja, die leben im Mund überall, aber auf der Schleimhaut nicht so in dem Maße, weil sich da nicht so ein Belag bilden kann wie auf der Zahnoberfläche. Man findet tatsächlich diese Keime aber auch an vielen anderen Stellen im Körper. Die streuen, zum Beispiel… Ich bin jetzt nicht 100 % sicher, ob die Zahl so stimmt, aber ich meine, dass eine infektiöse Endokarditis, also eine Entzündung der Herzinnenwand, die lebensbedrohlich sein kann und auch gar nicht so selten zum Tode führt, dass die auch in etwa 50 % der Fälle durch Keime verursacht werden kann, die auch in der Mundhöhle vorkommen. Und man findet das auch, ja, nein, primär bei der Endokarditis, genau. Da war das das Hauptthema. Was aber nicht bedeutet, dass das jetzt tatsächlich immer Keime aus der Mundhöhle sind, die eine Endokarditis verursachen, sondern die kommen einfach auch an anderer Stelle vor. Auf der anderen Seite weiß man aber auch, dass bei Menschen, die entzündetes Zahnfleisch haben und das haben leider sehr sehr viele… Entzündetes Zahnfleisch bedeutet, dass das Zahnfleisch bei Berührung, zum Beispiel beim Zähneputzen, oder wenn ich etwas hartes esse, dass es dann blutet. Und bluten bedeutet immer, dass ich meinen Blutkreislauf eröffnet habe. Und wenn der Blutkreislauf eröffnet ist, dann können Bakterien dort eindringen und können – der Blutkreislauf ist ja wie ein Straßensystem durch unseren Körper – und können im Prinzip dann über den Blutkreislauf alle Stellen der Körpers auch erreichen. Und tatsächlich kann man zeigen, dass Menschen, die Zahnfleischbluten haben und sich dann die Zähne putzen oder denen ein Zahn gezogen wird oder denen Zahnstein entfernt wird oder was auch immer, also wenn irgendetwas in der Mundhöhle manipuliert wird, was dann dazu führt, dass Bakterien bewegt werden und dass man eine Blutung hat, kann man immer zeigen, dass dann tatsächlich auch Bakterien im Blutkreislauf streuen. Die finde ich dann da tatsächlich überall. Klar, ist eine Frage der Menge, die ich da finde. Und deswegen, weil ich einerseits weiß, eine Endokarditis kann von diesen Keimen verursacht werden und ich weiß auf der anderen Seite auch, dass die Keime aus der Mundhöhle tatsächlich auch in den Blutkreislauf eindringen können, kann es durchaus auch sein, dass manche Endokarditis-Fälle auch durch eine schlechte Mundhygiene verursacht werden. Allerdings ist Zahnpflege etwas, was ja Gott sei Dank von nahezu jedem Menschen auf der Welt, zumindest in Deutschland von fast jedem ein- bis zweimal täglich gemacht wird. Trotzdem, Zahnfleischbluten kommt extrem häufig vor und eine infektiöse Endokarditis glücklicherweise relativ selten. Wenn also da jetzt ein starker Zusammenhang wäre, dann müsste es das sehr viel häufiger geben. Aber nichtsdestotrotz, es gibt offensichtlich diese Zusammenhänge von Keimen in der Mundhöhle zu Keimen an anderen Stellen.
[01:01:56] Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um über das Zähneputzen zu sprechen, wo wir das schon von Karies haben. Also, diese Bakterien lagern sich irgendwie an den Zähnen an oder führen zu so Ablagerungen, wo dann die Bakterien drin sitzen. Und ich vermute, das ist das, was man mit dem Zähneputzen versucht zu entfernen, oder? Und Zähneputzen ist zum Einen ein mechanischer Vorgang. Man macht mit den Borsten diese Ablagerungen wahrscheinlich irgendwie weg und man benutzt auch Zahnpasta. Was macht denn die Zahnpasta?
[01:02:31] Naja, die Zahnpasta macht zweierlei. Also die Zahnpasta, die kann in ihrer Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, muss ich sagen. Die Zahnpasta, die unterstützt einmal die Reinigungswirkung. Also man weiß, dass man, wenn ich jetzt nur mit Zahnbürste und mit Wasser putze, dann brauche ich wesentlich länger, um meine Zähne sauber zu kriegen. Die Zahnpasta enthält Substanzen, die die Reinigung verbessern. Und Zahnpasta enthält Fluorid. Und Fluorid ist eine Substanz, die dafür sorgt, dass das Lösungsgleichgewicht zwischen Zahnhartsubstanz und Calcium und Phosphat in wässriger Lösung – da haben wir jetzt schon ein paar Mal drüber gesprochen -, dass das wieder in Richtung Zahn verschoben wird, das heißt, dass also wieder eine Remineralisation, also ein Zurückwandern dieser Mineralien in den Zahn stattfinden kann. Das verursacht Fluorid. Und deswegen ist es wichtig, immer wenn sozusagen die Bakterien durch ihre Säureproduktion den Zahn annagen, dass da immer ein bisschen Fluorid in der Mundhöhle vorhanden ist, was dann gleich dafür sorgt – das ist sozusagen der Gegenspieler der Bakterien – was dann gleich dafür sorgt, dass die Mineralien, die durch die Säure heraus gelöst worden sind, dass die wieder eingelagert werden können. Und das kann ich zum Beispiel durch regelmäßige Mundhygiene machen. Es gibt Analysen, die zeigen, wenn ich zweimal am Tag meine Zähne mit einer vernünftigen fluoridhaltigen Zahnpasta putze, dann habe ich allein durch den Kontakt der Zähne, durch den zweimaligen Kontakt der Zähne mit der Zahnpasta, ohne dass ich da jetzt irgendein Bakterium weggeputzt habe, mehr als 40 % weniger Karies als Menschen, die das nicht tun, also die mit einer fluoridfreien Zahnpasta putzen. Und das ist ganz enorm. Wenn man sich das überlegt: Zweimal am Tag muss ich mir ja im Prinzip nur irgendwie Zahnpasta auf die Zähne schmieren. Das macht fast die gesamte Bevölkerung bei uns, über 80 Millionen Menschen. Und die haben dann 40 % weniger Karies. Das ist enorm. Und daraus bezieht die Zahnpasta ihre Wichtigkeit. Ich will aber vielleicht nochmal einen kleinen Schritt zurück gehen, was diese Plaque-, diese Belagbildung an der Zahnoberfläche überhaupt angeht. Tatsache ist: Die Keime, die schwimmen frei in unserer Mundhöhle. Wenn die gefüttert werden mit Zuckern, dann können die aus diesem Zucker… Den können die einerseits verdauen und produzieren darauf Energie. Wenn die viel Energie produzieren können, also ein hohes Nahrungsangebot, dann können die sich auch gut vermehren. Und auf der anderen Seite können die bei hohem Nahrungsangebot auch einen Vorratskeller, sozusagen, anlegen. Und dieser Vorratskeller, das sind langkettige Zucker, die die Bakterien aus diesen kurzen Zuckern herstellen können. Und diese langkettigen Zucker, die sind sehr schwer löslich, also quasi unlöslich in der Mundhöhle. Und die sind klebrig. Und mit diesen langkettigen Zuckern, die die Bakterien produzieren können, wenn sie genug zu fressen kriegen, damit lagern die sich an der Zahnoberfläche an. Gut, es gibt erst mal noch andere Mechanismen, die dafür sorgen, dass sich so ein einzelnes Bakterium an der Zahnoberfläche festsetzen kann. Wenn es dann da sitzt und kriegt Zucker zu fressen, dann produziert es diese langkettigen Zucker, die an der Zahnoberfläche kleben und damit ist sozusagen die Grundlage geschaffen für eine umfangreiche Besiedelung der Zahnoberfläche. Und das ist die Zahnplaque. Und die vermehrt sich dann rasend schnell. 24 Stunden nachdem ich meine Zähne mal komplett sauber geputzt habe, sind die wieder ganz dicht besiedelt. Da habe ich also nicht nur einzelne Kolonien, sondern einen ganz dichten Bakterienrasen, nennt man das, auf der Zahnoberfläche. Und das versuche ich eben beim Zähneputzen runter zu kriegen. Ich versuche beim Zähneputzen nicht, meine Bakterien in der Mundhöhle auszurotten, sondern ich versuche nur, die von der Stelle weg zu kriegen, wo sie Schaden anrichten können, nämlich an der Zahnoberfläche. Das ist ein anderer Ansatz als jetzt zu sagen, ich versuche meine Mundhöhle keimfrei zu kriegen.
[01:07:02] Naja Bakterien ausrotten müsste ich ja dann mit Antibiotika, oder?
[01:07:06] Ja. Es gibt auch andere antimikrobielle Substanzen.
[01:07:11] Was wollte ich jetzt fragen? Ach so, genau. Wir haben jetzt diese kurzkettigen Zucker, über die sich die Bakterien freuen, die sich damit vermehren. Dann diese langkettigen Zucker. Kann man die auch… Kann man es den Bakterien auch leichter machen, indem man die gleich mit der Nahrung zufügt oder sind die nicht in der Nahrung enthalten?
[01:07:29] Nein, diese Form von langkettigen Zuckern, dass sozusagen das Bakterium das gleich nehmen kann und klebt es an den Zahn, nein, das funktioniert nicht. Obwohl wir natürlich auch langkettige Zucker zu uns nehmen, das sind die… Stärke zum Beispiel ist ein langkettiger Zucker, aber das sind schon andere langkettige Zucker, die da verwendet werden. Stärke ist im Grunde genommen von diesen Plaque-Bakterien nicht sofort verstoffwechselbar. Deswegen habe ich zum Beispiel auch im Studium noch gelernt, Stärke ist eigentlich in Ordnung, die ist unschädlich. Aber man weiß mittlerweile, dass das so ganz doch nicht stimmt, denn die Stärke kann einerseits in der Mundhöhle auch schon abgebaut werden. Man sagt ja immer, der Mund ist die erste… Im Mund findet die erste Stufe der Verdauung statt. Das kann jeder auch selber mal ausprobieren, wenn man zum Beispiel ein stärkehaltiges Produkt, ein Brötchen, isst. Dann, wenn man da mal reinbeißt, dann schmeckt das erst mal nicht süß, aber je länger ich darauf herum kaue, umso süßer schmeckt es. Und das liegt daran, dass die langkettigen Kohlenhydrate in dem Brötchen, dass die durch ein Enzym in der Mundhöhle, das ist die sogenannte Alpha Amylase, gespalten werden kann. Dann werden aus langkettigen Kohlenhydraten werden mehrere kurzkettige und je kurzkettiger ein Kohlenhydrat wird, umso süßer schmeckt es für uns. Und die Tatsache, dass das Brötchen nach einigem Kauen oder auch ein Stück Brot süß schmeckt, zeigt eben, dass da jetzt aus den langkettigen Kohlenhydraten kurze geworden sind und die können dann natürlich wiederum von den Plaque-Bakterien aufgenommen werden. Es gibt noch einen weiteren Effekt, das ist Hitzebehandlung. Also Kartoffelchips zum Beispiel. Kartoffeln enthalten viel Stärke und die ist eigentlich unschädlich, aber wenn ich die Kartoffel hitzebehandle, wie das bei den Chips ja geschieht. Die wird in dünne Scheiben geschnitten und dann frittiert. Dann werden diese langkettigen Kohlenhydrate zerhackt in kurzkettige. Und außerdem werden die Chips auch noch aufgesüßt. Also wenn Sie da mal auf die Packung gucken, da ist natürlich auch Zucker drin, genau wie bei Crackern und Salzstangen, wo man immer denkt: „Na das ist doch nichts Süßes, das kann ich doch ruhig zwischendurch essen.“ Stimmt leider nicht. Und Chips kleben sogar auch noch besonders gut an den Kauflächen. Ich glaube, jeder, der schon mal Chips gegessen hat, der kann das gut nachvollziehen, der weiß: Hinterher arbeitet man da mit der Zunge dann so in den Kauflächen und kriegt das nicht mehr richtig raus. Und das ist natürlich besonders fatal, weil dann ist das Substrat, das als Futter für die Bakterien dient, ganz lange vor Ort und kann ganz lange seine schädliche Wirkung entfalten. Und deswegen sind all diese Geschichten, die wir für primär mal nicht süß und deswegen nicht kariesfördernd halten, die sind eben leider doch auch schädlich.
[01:10:32] Irgendwo in diesem ganzen Stoffwechselgeschehen entsteht ja die Säure, die dann dazu führt, dass sich das Calciumphosphat irgendwie herauslöst aus den Zähnen. Es ist doch auch so, dass wenn man Säure zu sich nimmt, das ist im Prinzip der gleiche Effekt, oder?
[01:10:56] Ein bisschen, ja. Also das ist etwas, was auch schwierig zu erklären ist, muss ich sagen. Und was nicht nur von unseren Patienten, sondern auch von Journalisten, denen wir versuchen das zu erklären, oft falsch verstanden wird und in einen Topf geworfen wird. Das Problem ist, dass tatsächlich… Also das, was Sie jetzt beschreiben, das nennt man Erosion. Und sowohl bei Erosion als auch bei Karies spielen Säuren eine Rolle und entkalken letzten Endes den Zahn. Bei der reinen Erosion, das heißt also, wenn ich meine Zähne einer Säure aussetze, die zum Beispiel in einem sauren Getränk enthalten ist – lassen wir mal jetzt Zucker außen vor -… Ein gutes Beispiel für ein saures Getränk ist zum Beispiel Orangensaft. Der ist sehr sauer, enthält Zitronensäure. Und wenn ich jetzt viel Orangensaft trinke und den vielleicht auch noch relativ lange im Mund behalte, weil ich ihn immer in kleinen Schlücken trinke, dann wird die Zahnhartsubstanz durch diesen Orangensaft oberflächlich entkalkt.
[01:12:09] Also der Zahnschmelz dann mal als Erstes?
[01:12:11] Erst mal der Zahnschmelz, aber wenn Dentin frei liegt, auch das Dentin bei älteren Menschen. Es entsteht dabei allerdings kein Loch, weil das nicht punktuell passiert und vor allen Dingen auch deswegen, weil da keine Bakterien im Spiel sind, sondern es ist nur die direkte Säurewirkung. Und das führt zu einem flächigen Verlust an Zahnhartsubstanz, Schmelz und oder Dentin. Und das kann man daran erkennen, dass der Zahn erst mal so ein bisschen… Also als Zahnarzt erkennt man das daran, dass der Zahn erst mal so ein bisschen matt aussieht, weil er angeätzt ist quasi und auch seine Struktur so ein bisschen verliert, weil alles, was irgendwie ein bisschen strukturbildend ist, also kleine Hügel und kleine Grübchen, die werden durch die Säureeinwirkung eingeebnet. So. Der wesentliche Unterschied zwischen der Erosion und der Karies ist der, dass eine Erosion immer nur an den Stellen passieren kann, an denen keine bakteriellen Beläge sind, weil wenn die bakteriellen Beläge… Wenn ich richtig dicke bakterielle Beläge auf den Zähnen habe, dann kommt die Säure aus dem Getränk gar nicht an den Zahn heran, weil dazwischen ist ja diese dicke Matte aus Bakterien und Kohlenhydraten. Dann kriege ich aber… An der Stelle kann ich aber Karies kriegen. Und deswegen ist ein daraus folgender wesentlicher Unterschied einmal diese flächige Entkalkung und bei der Karies die punktuelle, in die Tiefe gehende, weil die Bakterien nach der beginnenden Entkalkung und der Bildung dieser Poren, von denen wir schonmal geredet haben in der Zahnoberfläche, können die in den Zahn hinein wandern und den Zahn von innen heraus zerstören. Das passiert bei der direkten Säureeinwirkung, bei der Erosion, nie. Und man kann tatsächlich sagen, dass eine Erosion an einer Stelle, also eine Erosion, die jetzt aktuell entstanden ist, dass die die Karies eigentlich ausschließt, weil die Erosion ist immer der Beweis dafür, dass da keine Plaque war. Und wenn keine Plaque da ist, kann auch keine Karies entstehen.
[01:14:27] Das heißt, Orangensaft ist eigentlich der Super-GAU, weil Orangensaft enthält auch Zucker. Das heißt da, wo keine Karies ist, da setzt dann die Erosion ein und da wo Karies ist oder Plaque ist, da haben die Bakterien dann auch noch etwas zu Futtern und machen da Karies.
[01:14:41] Genau. Das betrifft aber natürlich nicht nur Orangensaft, sondern das betrifft auch andere Softdrinks. Die sind ja in aller Regel auch sauer und obendrein enthalten die auch Zucker, also… Es sei denn, ich benutze ein Light-Produkt. Das ist dann nochmal… Light-Produkte können nur Erosion verursachen, aber keine Karies. Und Sie haben recht, das ist dann der richtige GAU, wenn ich etwas habe, was sowohl Erosion als auch Karies verursacht.
[01:15:09] Das heißt, eigentlich ist vor dem Hintergrund Obst essen auch nicht so ideal.
[01:15:13] So, jetzt muss man da, glaube ich, mal einen Strich machen und daran erinnern, dass der Mensch nicht nur aus Zähnen besteht. Und Obst und Gemüse und auch Obstsäfte in gewissem Umfang sind für unsere Allgemeingesundheit sehr wichtig. Deswegen sollte man nie Obst und Gemüse und auch keinen Orangensaft verteufeln, bloß weil er schlecht für die Zähne ist, sondern man muss einen vernünftigen Umgang damit propagieren. Denn letzten Endes: Obst und Gemüse machen unsere Zähne nicht kaputt. Das sind andere Dinge. Man kann im Übrigen auch – und ein Hersteller macht das auch – man kann Orangensaft auch so formulieren, also so zusammensetzen, dass er keine Erosionen macht. Ich muss nur Calcium rein machen. Wenn ich genug Calcium zufüge, dann sorge ich ja dafür, dass der Calciumgehalt im Orangensaft und damit auch im Speichel letzten Endes so hoch ist, dass gar nichts herausgelöst werden kann, weil die Lösung sowieso schon übersättigt ist in Bezug auf Calcium. Dann bleibt dem Calcium nichts anderes übrig als im Zahn drin zu bleiben. Wir haben dazu auch Studien gemacht, die gezeigt haben… Also wir haben die Erosivität verschiedener Getränke untersucht. Und das war total spannend, kann ich Ihnen sagen, weil es auch für uns total überraschend war. Wir haben zum Beispiel gesehen, dass Cola, die ja sehr sauer ist, dass die gar nicht so eine starke erosive Wirkung hat, weil – und das war dann die Erklärung, also das haben wir einfach in unserem Experiment gesehen, dass da wenig Zahnhartsubstanz gelöst worden ist – weil die Säure, die darin enthalten ist, Phosphorsäure ist. Und Phosphorsäure… Der Zahn besteht ja aus Calcium und Phosphat, das heißt also, die Phosphorsäure geht sogar in dieses Lösungsgleichgewicht mit ein und ist nicht so schädlich wie Zitronensäure. Zitronensäure ist im Gegensatz dazu sogar ein Komplexbildner, das heißt Zitronensäure kann… Man nennt das auch Chelatbildner, das heißt, glaube ich, auf Griechisch Krebs oder so. Also wie ein Krebs mit seinen Zangen kann so ein Komplex- oder Chelatbildner Calcium-Ionen einfangen und aus dem Lösungsgleichgewicht entfernen damit, so dass wieder neues Calcium nachdiffundieren muss. Und das macht Zitronensäure. Und deswegen haben wir auch gesehen in unserer Studie, dass die Getränke, die Zitronensäure enthalten haben, dass die viel aggressiver zum Zahnschmelz und auch zum Dentin sind als die Getränke, die Phosphorsäure enthalten. Ob jetzt Phosphorsäure so gesund ist, wollen wir mal dahingestellt lassen. Aber für die Zähne ist die erst mal nicht so schädlich. Und dann spielt auch eine Rolle, ob dieses Getränk – das ist ja meistens irgendwie eine relativ komplexe Mischung – ob da auch noch Puffersysteme drin enthalten sind, die dafür sorgen, dass die Säure länger auf einem niedrigen pH-Wert gehalten werden kann, so dass insgesamt letzten Endes die Frage… Ach so, und ob da Substanzen wie Calcium drin enthalten sind, so dass letzten Endes die Frage, ob ein Getränk erosiv wirken kann und wie erosiv es wirken kann, gar nicht so einfach zu beantworten ist. Wir haben zum Beispiel gesehen, dass diese aromatisierten Mineralwässer, die ja in den letzten Jahren so auf den Markt gekommen sind, wo jeder denkt: „Ach, das ist doch ein toll gesundes Getränk, weil das ist…“
[01:19:06] Ja, da steht immer drauf: 0 Kalorien.
[01:19:08] Ja, das ist wie Mineralwasser, schmeckt nur besser. Das ist ja die Vorstellung, die man damit verbindet. In Wirklichkeit sind die aber sehr erosiv, weil die auch Zitronensäure enthalten. Sehr viel erosiver als Cola zum Beispiel, was uns auch total überrascht hat. Also da haben wir dann so eine Liste gemacht, wo man sehen kann, welcher Softdrink – natürlich nicht alle, wir haben insgesamt da acht Getränke untersucht – welcher Softdrink wie erosiv ist. Und dann, im nächsten Schritt, sind wir hingegangen und haben uns überlegt: Was kann man denn jetzt dagegen tun, dass das erosiv ist? Und haben kleine Mengen an Calciumphosphat da hinein gekippt. Und siehe da… Also in zwei Schritten, einmal ganz wenig, dann nochmal die gleiche Menge hinzugegeben. Und siehe da: Viele von den getesteten Getränken hatten schon nach Zugabe der ersten kleinen Menge extrem an Erosivität verloren und bei den meisten war sie bei der doppelten Dosis dann ganz verschwunden. Nur so die richtig erosiven wie Zitronensaft – haben wir auch getestet – und Orangensaft, die waren auch nachher noch erosiv, aber deutlich reduziert. Man kann also tatsächlich, wenn man das will, kann man seinen Getränken Calciumphosphat in kleinen Mengen zugeben und dann ist diese Erosivität, die ist dann reduziert. Und es hat sogar auch noch ganz gut geschmeckt, finde ich. Also das war ein bisschen schwierig, weil wir die Getränke, also die Cola zum Beispiel ins Glas gegossen haben, haben dann anschließend diese Mengen Calciumphosphat rein gerührt und dadurch geht dann natürlich die Kohlensäure raus. Deswegen ist es da ein bisschen schwierig, das mit dem Originalgetränk zu vergleichen. Es schmeckt fader. Aber ich fand, es hat eigentlich gut geschmeckt. Und wenn da noch Kohlensäure dabei ist, spricht für mich eigentlich nichts dagegen diesen Weg zu beschreiten, um schonmal dieses Thema Erosion, Zahnerosion, ein bisschen besser in den Griff zu kriegen. Aber man muss trotzdem sagen: Zahnerosion ist bei weitem nicht so ein großes Problem wie Karies. Also letzten Endes gehen durch Erosion eigentlich keine Zähne verloren.
[01:21:26] Jetzt verstehe ich das aber auch. Es gibt ja diesen Tipp, dass wenn man etwas Saures oder wenn man Obst gegessen hat, dass man sich nicht direkt danach die Zähne putzen soll, weil das dann eben schon angelöst ist und dann kratzt man da den Zahnschmelz mit der Zahnbürste runter. Aber wenn ich jetzt ein Stück Schokolade gegessen habe, dann sollte ich mir halt vielleicht direkt danach die Zähne putzen, weil eben diese Säure, die die Bakterien erzeugen, ein anderer Effekt ist als diese Erosion.
[01:21:50] Ja, leider, oder eigentlich können wir auch sagen Gott sei Dank, haben jetzt aber neue Studien gezeigt, dass das nichts hilft, wenn ich eine Stunde warte. Also es ist nach der Stunde noch genauso wie vorher. Und es ist eigentlich auch keine kluge Empfehlung gewesen, weil das dazu geführt hat, dass viele Menschen, die ein gesundes Frühstück zu sich genommen haben mit Obst und Orangensaft, dass die dann gesagt haben: „Darf ich jetzt… Nach dem Frühstück darf ich eigentlich gar nicht sofort die Zähne putzen, sondern muss eine Stunde warten.“ Und das ist natürlich auch unsinnig, weil ich denke immer, solche Präventionsratschläge, die können nur dann funktionieren, wenn sie auch einfach zu befolgen sind. Die müssen in unsere Lebenswelten passen. Die WHO sagt dazu: „Make the healthy choices easy choices.“ Also mach die gesunde Wahl zu einer einfachen Wahl. Wenn es kompliziert wird, dann wird es nie funktionieren. Und wenn ich jetzt empfehle, dass man nach einem sauren Essen oder Getränk eine Stunde nicht die Zähne putzen darf, dann mache ich das sehr schwierig, weil der Normalmensch – also mache das auf jeden Fall so -, der frühstückt morgens, putzt seine Zähne und geht dann zur Arbeit oder als Kind in die Schule oder was auch immer. Das heißt, man hat nicht diese Zeit, eine Stunde zu warten. Das ist der eine Aspekt. Der andere Aspekt ist der, dass es ja eigentlich keine Nahrungsaufnahme gibt, die nur erosiv ist, sondern das Frühstück ist ja natürlich sowohl erosiv als auch kariogen, also auch Karies auslösend. Und je länger ich das Futter für die Karies-Bakterien, für die bakteriellen Beläge in der Mundhöhle lasse, umso schlechter ist es für die Karies. Das heißt also, wenn ich jetzt eine Stunde warte, und wenn es effektiv wäre, was es ja nicht ist, wenn ich jetzt eine Stunde warten würde mit dem Zähneputzen, dann hätte ich zwar damit vielleicht mein Erosionsrisiko reduziert, aber mein Kariesrisiko erhöht, weil ich den Bakterien länger Gelegenheit gebe sich vollzufressen und Säuren zu produzieren. Deswegen ist das keine gute Idee gewesen.
[01:24:08] Okay, aber das heißt, so als generelle Regel… Also der Körper braucht natürlich auch Zucker als Energie und so weiter, aber jetzt aus Zahngesundheitsaspekten ist die Empfehlen weniger Zucker zu essen oder halt mehr das auf eine Portion zu machen und sich danach die Zähne zu putzen, das ist schon kein dummer Vorschlag?
[01:24:28] Ja, das ist kein dummer Vorschlag, das ist richtig. Wobei ich jetzt gerade nochmal drüber nachdenke. Da bin ich mir gar nicht so sicher, ob der Körper Zucker braucht heute noch bei unserer Ernährung.
[01:24:39] Naja okay, zumindest Kohlenhydrate. Aber ob das Zucker sein muss…
[01:24:42] Kohlenhydrate ja. Ob man jetzt Zucker braucht… Ich meine, die WHO ist ja auch wieder in ihren neuen Empfehlungen dafür eingetreten den Zuckerkonsum zu reduzieren, wobei für die Zähne der Gesamtzuckerkonsum eigentlich gar nicht so relevant ist, sondern das Problem ist die Häufigkeit. Und wenn ich meine Zähne häufig über den Tag verteilt auch mit kleinsten Mengen Zucker füttere, dann hat das eine katastrophale Wirkung. Dummerweise ist es natürlich auch so: Je mehr Zucker ein Volk verbraucht oder ein Mensch verbraucht, umso häufiger sind auch seine Zuckerkontakte, also das hängt irgendwo schon zusammen. Aber es zeigt trotzdem einen ganz wesentlichen Ansatzpunkt für die Kariesprävention. Wir müssen versuchen, von diesen ganz häufigen Zuckeraufnahmen weg zu kommen. Und da spielen nicht nur Nahrungsmittel eine Rolle, sondern ich würde sagen, vor allen Dingen sind es die Getränke, die da ein Problem machen, weil Getränke… Unser Trinkverhalten hat sich ja total geändert. Das kann auch gut sein, aber heutzutage, wir haben ja fast amerikanische Verhältnisse, wo, wenn man morgens zur Arbeit fährt durch eine Ortschaft, dann stehen an jeder Ampel Leute mit Kaffeebecher und jeder hat sein… Jedes Kind hat seine Getränkeflasche mit im Tornister, nimmt die mit zur Schule. Das war, als ich zur Schule gegangen bin, nicht der Fall. Da hätte man nie was mitnehmen dürfen zum Trinken. Da hat man morgens was getrunken, da hat man mittags was getrunken und dann nachmittags vielleicht mal zwischendurch. Aber die Getränke waren nicht so ständig verfügbar. So. Wenn das Wasser ist oder Mineralwasser, ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Aber sobald da ein bisschen Zucker drin ist, ist das wirklich zerstörerisch für unsere Zähne. Und das ist in meinen Augen ein ganz einfacher Ansatzpunkt für die Prävention. Ich muss dafür sorgen, dass die Getränke, die ich zu mir nehme, keine Karies verursachen. So. Am einfachsten, am besten ist es natürlich, wenn man das so macht, wie Sie das machen, dass man Mineralwasser trinkt. Mineralwasser ist toll, macht keine Karies, keine Erosionen, auch wenn da manchmal etwas anderes behauptet wird. Und wenn ich ein Kind von Beginn an darauf präge, dass es seinen Durst mit Wasser löscht, dann kriegt man das auch ganz gut in den Griff. Wir haben eine kleine Tochter. Natürlich ist die auch froh, wenn wir mal in die Pizzeria gehen, wenn sie da mal eine Sprite trinken darf, aber zuhause ist für die selbstverständlich, dass sie nur Wasser trinkt. Und das klappt wunderbar. Und wenn ich erwachsen bin und schon nicht mehr vom Süßen loskomme, dann kann ich zum Beispiel meinen Zucker… Nicht meinen Zucker, meinen Kaffee oder meinen Tee, den man ja oft auch über den ganzen Tag so trinkt, den kann ich mit etwas Anderem süßen als Zucker. Man kann dazu Süßstoffe nehmen. Dann gibt es Leute, die sagen: „Süßstoffe, das ist mir nicht ganz geheuer.“ Obwohl es dafür keine Anhaltspunkte gibt. Trotzdem, wenn man das nicht möchte, dann kann man natürliche Süßungsmittel verwenden, also zum Beispiel Stevia. Das wird ja aus Blättern gewonnen. Oder auch Zuckerersatzstoffe, zum Beispiel Xylit, Sorbit, so in Büchsen zu kaufen gibt es eigentlich Xylit. Das ist zwar sehr viel teurer als Zucker, muss man sagen, aber wenn ich es unbedingt… Wenn ich keine Süßstoffe haben will, die preisgünstig sind und nur um den Kaffee zu süßen ist das auch nicht so eine riesige Preisfrage. Das heißt also, es gibt eigentlich einfache, probate Mittel den Zucker aus seinen Getränken zu entfernen. Und wenn ich unbedingt Cola trinken muss oder Sprite oder Fanta, dann gibt es da immer auch eine Light-Variante, die keinen Zucker enthält und davon kriege ich keine Karies. Das Zeug kann ich trinken.
[01:28:59] Okay. Im Gegensatz dazu ist zum Beispiel Honig ja genauso zahnschädigend wie Zucker.
[01:29:08] Ja. Honig ist ja fast 100 % Zucker und ist natürlich genauso zahnschädigend. Es wird dann immer noch gesagt: Der ist auch noch klebrig. Aber da der ja aus Zucker besteht, ist der zwar auf den Fingern klebrig, aber in der Mundhöhle, in der wässrigen Umgebung, ist der eigentlich relativ schnell aufgelöst. Aber damit ist er auch extrem schnell bioverfügbar. Also es ist genauso schädlich wie Zucker.
[01:29:34] Wir haben zu diesem Thema Zähneputzen eine sehr nette Hörerfrage noch bekommen. Und zwar hat der gefragt: Was würde nach der Zombie-Apokalypse mit meinen Zähnen passieren, wenn ich sie ein Jahr lang nicht putzen würde?
[01:29:48] Das kommt darauf an, wie ich mich ernähre. Also Karies ist ja eine ernährungsabhängige Erkrankung, liegt also daran, dass wir uns ungünstig ernähren und damit im Übrigen auch diese speziellen Bakterien zu einer starken Vermehrung antreiben, die nicht normal ist. Also es kann durchaus sein, dass die Zähne gesund bleiben, wenn ich mir ein Jahr lang die Zähne nicht putze, weil wenn ich keinen Zucker zu mir nehme, ist das in Ordnung. Aber es ist unrealistisch. Also wenn man jetzt so im normalen Betrieb, im normalen Leben ein Jahr lang die Zähne nicht putzen würde, das wäre eine Katastrophe. Dann hätte ich Beläge ohne Ende, würde wahrscheinlich auch stinken wie sonst was, weil diese Beläge verursachen ja natürlich auch Mundgeruch, hätte eine starke Zahnfleischentzündung, die dann auch wiederum natürlich sehr unangenehm ist, schmerzhaft ist, Gerüche absondert.
[01:30:56] Also Zahnfleischentzündung wird durch diese Beläge ausgelöst?
[01:30:59] Ja, Zahnfleischentzündung wird auch durch bakterielle Beläge… Ja, das hätte ich vielleicht noch erklären sollen. Diese bakteriellen Beläge, die produzieren nicht nur Säuren, sondern auch andere Abfallstoffe, Toxine, also für uns giftige Abfallsubstanzen. Und wenn die Beläge am Übergang vom Zahn zum Zahnfleisch sitzen, was sie in aller Regel auch tun, dann vergiften diese Toxine sozusagen das Zahnfleisch. Die fallen dann auf das Zahnfleisch, das Zahnfleisch wird zu einer Abwehrreaktion gezwungen und diese Abwehrreaktion ist eine Entzündung. Und die Entzündung ist Teil einer Immunantwort, die relativ komplex ist und die am Ende dazu führt, dass das Zahnfleisch und der Zahnhalteapparat sich selbst zerstören, weil der hat eigentlich nur das Bestreben von diesem Ort der Bedrohung weg zu kommen. Deswegen wird dann alles abgebaut und sozusagen zurück gezogen, so könnte man das sehen, einschließlich Knochen.
[01:32:04] Das ist auch der Grund, warum Leute, die aus irgendeinem Grund eine schlechte Mundhygiene haben, oft ihre Zähne dann verlieren irgendwann?
[01:32:09] Ja. Genau so ist es. Also deswegen, man würde nach einem Jahr Zähneputzen… hätte man alle Probleme wahrscheinlich, die man sich vorstellen kann.
[01:32:21] Und ist Zahnfleischentzündung dasselbe wie Parodontose?
[01:32:27] Nein. Also erst mal muss man sagen, Parodontose ist zwar der landläufig benutzte Begriff, aber er ist nicht korrekt für das, was gemeint ist. Das, wovon ich geredet habe, wo also der Zahnhalteapparat abgebaut wird, das ist eine entzündliche Erkrankung. Alles, was entzündlich ist, hat ein „-itis“. Blinddarmentzündung heißt Appendizitis. Eine entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates ist eine Parodontitis. Die Parodontose, die gibt es auch, das ist so ein allerdings nur geringfügig beobachteter rein altersbedingter Rückgang des Zahnhalteapparates. Das passiert auch, aber nur in kleinem Umfang, dass das sich zurück bildet. Und das verläuft ohne eine Entzündung, das heißt, das Zahnfleisch würde da nie bluten. So. Die Zahnfleischentzündung, die bezeichnet man auch als Gingivitis, das heißt, das ist die Entzündung des sichtbaren Zahnfleisches, also der Zahnfleischzipfel des angewachsenen Zahnfleisches, was ich so in der Mundhöhle sehen kann, was wir vorhin beschrieben haben. Und auf der Grundlage dieser oberflächlichen Zahnfleischentzündung kann sich dann eine Parodontitis bilden. Also man muss sich das so vorstellen: Das Zahnfleisch ist so ein bisschen was wie der Wächter für den Zahnhalteapparat, für das Parodont. So nennt man das auch, Zahnhalteapparat, das ist das Parodont. Das sitzt also oben oberflächlich wie so eine Manschette um die Zähne drum herum und versucht das Ganze dicht zu halten, so dass keine Bakterien aus der Mundhöhle in den Halteapparat und in den Knochen eindringen können. So. Wenn jetzt in der Nachbarschaft dieses Zahnfleisches Bakterien sitzen, die Gifte produzieren, dann entsteht eine Entzündungsreaktion an dem Zahnfleisch. Dadurch wird das Zahnfleisch aufgelockert und es verliert seinen Halt an der Zahnoberfläche. Das ist eigentlich so an der Zahnoberfläche angeklebt. Man nennt das Halbdesmosome, das ist von der Zellbindungsgeschichte an der Zahnoberfläche. Durch die Entzündung löst sich diese Verklebung auf und es entsteht ein kleiner Spalt zwischen Zahn und dem Zahnfleisch. In diesen kleinen Spalt können die Bakterien dann weiter eindringen, verursachen eine stärkere Entzündung und das Zahnfleisch geht immer weiter ab. Und irgendwann ist man dann auf dem Niveau, wo der Zahnhalteapparat, wo der Knochen anfängt und der Zahnhalteapparat anfängt. Und dann können die Bakterien da durch die Fasern des Zahnhalteapparates immer weiter in die Tiefe eindringen und dann wird der Zahnhalteapparat und der Knochen aufgelöst, abgebaut. Und dann entstehen erst mal Zahnfleischtaschen, die kann ich messen mit einer stumpfen Sonde. Und irgendwann wird der Zahn dann locker und kann verloren gehen oder muss, weil er nicht mehr brauchbar ist, gezogen werden. Und dieser Übergang von der Entzündung des oberflächlichen Zahnfleisches zum Zahnhalteapparat, das ist der Übergang zwischen der Zahnfleischentzündung und der Parodontitis. Parodontitis ist also erst die Entzündung des Zahnhalteapparates.
[01:35:52] Aber das heißt, es ist im Prinzip eine graduelle Geschichte?
[01:35:55] Im Grunde genommen ja. Das Zahnfleisch, die Gingiva, gehört eigentlich auch schon zum Zahnhalteapparat dazu, aber es hat eine ganz entscheidende praktische und pathologische Konsequenz, nämlich: Die Gingivitis, die oberflächliche Zahnfleischentzündung, die ist zu 100 % reversibel. Das heißt, wenn ich Zahnfleischbluten habe, aber noch keine Taschen und putze mir dann einfach in Zukunft immer gründlich die Zähne, dann geht die wieder zu 100 % weg. Die Parodontitis, die ist nicht reversibel. Was an Zahnhalteapparat weg ist, das ist weg.
[01:36:37] Ich dachte ja als Kind immer, wenn man alt ist, fallen einem auf jeden Fall die Zähne aus, weil das bei meinen Großeltern so war. Bis meine Zahnärzte mich dann irgendwann mal darüber aufgeklärt haben, dass das wirklich eine Frage der Hygiene ist und dass, wenn man gesunde Zähne hat, dass das keinen Grund gibt, dass die ausfallen, auch wenn man 80 wird oder 90.
[01:36:56] Genau, so ist es. Wobei, ja, also vom Grundsatz her stimmt das. Wobei ich sagen muss, ja, man sieht jetzt immer mehr Erwachsene, auch ältere erwachsene Menschen mit eigenen Zähnen, die noch nicht mal eine Füllung haben. Das war vor 20 oder vor 25 Jahren, als ich als Zahnarzt angefangen habe, kaum der Fall. Das hat man eigentlich nie gesehen. Selbst unter unseren neu anfangenden Studierenden war es schon eine Sensation, wenn wir da einen kariesfreien gefunden haben bei 18-, 19-, 20-Jährigen. Heute… Ich frage immer unsere neu anfangenden Studierenden, wer ein kariesfreies Gebiss hat. Und das sind ungefähr zwei Drittel. Das ist unglaublich, wie sich die Zahngesundheit verbessert hat. Aber was ich beobachte, wo ich keine Studien zu kenne und wahrscheinlich gibt es die auch nicht, ist, dass jetzt, wo immer mehr Zähne bei Erwachsenen und älteren Menschen keine große Füllung oder keine Krone, also prothetische Krone mehr haben, dass es dann häufiger zu Zahnfrakturen kommt.
[01:38:18] Das heißt, die Zähne brechen oder splittern oder so?
[01:38:21] Ja. Also ich sehe jetzt häufiger… Betroffen sind insbesondere im Oberkiefer die kleinen Backenzähne, also die Prämolaren, sehe ich immer öfter… Das ist jetzt noch nicht so, dass man sagen müsste, da sind jetzt 10 % der Bevölkerung von betroffen, so schlimm ist es noch nicht. Aber ich sehe es immer öfter, dass solche Zähne Längsfraktur haben, wo sich mir dann doch die Frage stellt: Für welchen Gebrauchszeitraum ist eigentlich so ein Gebiss ausgelegt? Ist es wirklich ausgelegt, 80 Jahre zu halten? Oder muss man da doch vorher irgendwelche stabilisierenden Maßnahmen ergreifen? Diese Frage hat sich früher nicht so gestellt, weil die Leute nicht so lange ihre Zähne hatten. Und wenn sie sie noch hatten, dann hatten sie schon eine Goldkrone da drauf oder eine Keramikkrone. Und das ist, glaube ich, etwas… Keine unlösbare Frage, aber trotzdem mal ist es eine neue Erfahrung für mich. Und ich glaube, das ist eine Frage, mit der man sich schon in Zukunft auch ein bisschen mehr beschäftigen muss. Wie lange hält eigentlich so ein gesunder Zahn? Weil der wird im Laufe des Lebens natürlich spröder. Und das hängt damit zusammen, dass sich das Pulpagewebe im Inneren des Zahnes immer weiter zurück zieht, dass also das Dentin nicht mehr so gut ernährt wird wie vorher. Und es hängt natürlich auch damit zusammen, dass so ein Zahn ja enormen Belastungen ausgesetzt ist. Dabei meine ich gar nicht mal die mechanischen Belastungen. Die sind schlimm genug oder hart genug für den Zahn, im wahrsten Sinne des Wortes. Sondern es sind vor allen Dingen diese thermischen Wechselbelastungen, die wir in der Mundhöhle haben. Also man isst und trinkt ja durchaus warme bis heiße Sachen. Also ein schöner heißer Kaffee, habe ich selber auch schon gemessen, der kommt so auf 55 Grad. Umgekehrt, wenn ich ein kaltes Getränk trinke oder ein Eis esse, dann habe ich Temperaturen von so etwa 5 Grad an der Zahnoberfläche. Das heißt, es gibt da so eine Wechselbelastung zwischen 5 und 55 Grad auf einem ohnehin schon relativ spröden Material, nämlich dem Zahnschmelz. Und da kann man sich vorstellen, dass der da im Laufe der Zeit Sprünge entwickelt. Und wenn man schon über 20 ist und guckt sich seine Zähne so am besten bei schräger Beleuchtung mal vor dem Spiegel aus der Nähe an, seine Schneidezähne, dann kann man feststellen, dass die so ganz feine Risse entwickeln. Das ist erst mal noch nicht schlimm, aber im Laufe des Lebens können diese Risse tiefer werden und bei weiterer Versprödung und andauernder Belastung des Zahnes kann das eben dazu führen, dass der tatsächlich irgendwann mal in der Mitte durchbricht. Erlebt man bei Schneidezähnen und bei den großen Backenzähnen eigentlich nicht, aber so bei den ersten, bei den kleinen Backenzähnen, da sieht man das immer häufiger.
[01:41:36] Was gibt es denn noch für Erkrankungen? Also ich habe mir hier noch aufgeschrieben: Zähneknirschen… Ich mein, das ist wahrscheinlich… Ich weiß nicht, ob das für Sie eine Erkrankung ist. Fehlstellung, das ist aber mehr eine kieferorthopädische Geschichte dann.
[01:41:48] Ja, also ja klar, Knirschen ist schon eine Erkrankung. Ich weiß jetzt nicht, ob die von der Weltgesundheitsorganisation zu den Erkrankungen gezählt wird. Kann sein, ja.
[01:42:00] Auf jeden Fall sehen das die Zahnärzte eben in ihren Praxen.
[01:42:03] Ja klar, das sieht man und das ist etwas, dem man Einhalt gebieten muss, das ist klar. Das ist oft psychisch bedingt und dann versucht man auch, das psychisch in den Griff zu kriegen. Oft ist es auch nur eine Frage der Selbstkontrolle. Dann sagt man den Patienten, die unter Knirschen leiden, dass sie sich mal selber mehr beobachten sollen, ob und wann sie das tun. Dazu kann man zum Beispiel an Stellen, an denen man viel arbeitet, wenn man zum Beispiel an seinem Computer viel arbeitet, kann man sich auf seinen Computerbildschirm oben rechts in die Ecke einen roten Punkt kleben und immer wenn mein Blick auf diesen roten Punkt fällt, dann muss ich mir die Frage stellen: Knirsche ich jetzt eigentlich im Augenblick? So kann man sich selber so ein bisschen kontrollieren, ob ich das mache. Und viele knirschen auch nachts und dann muss man jemanden fragen, der das vielleicht mithören kann, ob man nachts knirscht, weil das ist nicht zu überhören. Und dann muss man darüber nachdenken: Habe ich vielleicht besonders viel Stress? So, das ist der eine Grund. Der andere Grund kann tatsächlich sein, dass ich Fehlkontakte in meinem Gebiss habe. Und man möchte eigentlich, dass mit seinem Gebiss… Man möchte ein Gebiss haben, das einen gleichmäßigen Kontakt beim Schließen verursacht. Wenn ich beim Schließen immer nur so an einem Zahn hänge oder über einen Zahn rutsche, dann stört mich das und dann versuche ich das loszuwerden. Und das versucht man unbewusst durch Knirschen weg zu kriegen. Deswegen ist die erste Untersuchung des Zahnarztes bei so einem Knirschen immer, dass man erst mal guckt: Hat das eine dentale, also eine zahnbezogene Ursache? Nur wenn ich das ausschließen kann, dass es eine zahnbezogene Ursache hat, dann muss ich an diesen psychologischen Faktor denken. Und wenn ich das nicht ausgeschaltet kriege, dann verordnet man Patienten eine Schiene, die sie dann tragen müssen, wenn sie knirschen. Also in aller Regel ist das ja sehr häufig nachts der Fall. Was aber auch noch etwas ist, was in meinen Augen nicht genügend berücksichtigt wird, das ist diese Funktion der Eckzähne, über die ich am Anfang unseres Gesprächs geredet habe, dass die Eckzähne gut dafür sind oder dass die dazu dienen, bei Seitwärtsbewegungen das Gebiss zu sperren, damit eben nicht die Zähne alle abgeknirscht werden. Im Laufe des Lebens werden aber durch diese Führungsfunktion der Eckzähne werden die Eckzähne abgenutzt. Man kann das… Fast jeder Erwachsene kann das an seinen Eckzähnen sehen, dass die Spitze der Eckzähne, dass die schon weg ist. Die ist abgeknirscht, sagt man dazu auch. Und dann merke ich, wenn ich dann diese Seitwärtsbewegungen mache, dass ich auch schon über die Frontzähne und manchmal auch über Backenzähne knirsche. Und das ist unphysiologisch, das ist eigentlich von der Natur so nicht gewollt, sondern die Natur hat uns eigentlich so eingerichtet, dass wir diese Führung über die Eckzähne haben. Und das kann Knirschen verursachen und das kann auch dazu führen, dass dann zum Beispiel die Front ganz eingeebnet wird. Beim Jugendlichen ist es ja so, dass die mittleren Schneidezähne, die sind nicht nur breiter, sondern auch länger als die seitlichen. Und beim älteren Menschen sind die dann oft, hat man oft nur noch so eine Linie, weil man das wegen der fehlenden Eckzahnführung abgeknirscht hat. Und da mache ich das eigentlich, wenn ich das beobachte, dass die Eckzähne schon so abgeknirscht sind und dass jetzt die Frontzähne und auch die Seitenzähne dran kommen, dass ich die Eckzähne wieder neu aufbaue. So wie die vorher mal waren, das ist keine Hexerei. Da klebt man… Wir haben ja heute tolle Werkstoffe in der Zahnmedizin, zahnfärbende, klebende, mit Glas oder Keramik verstärkte Kunststoffe. Und die klebt man dann auf die Spitze der Eckzähne drauf und dann können die wieder ihre Führungsfunktion übernehmen und ich knirsche dann nicht mehr über die anderen Zähne.
[01:46:33] Okay. Und das Knirschen ist deshalb ein Problem, weil es eben die Zähne übermäßig stark abnutzt und die dann dadurch kaputt gehen langfristig?
[01:46:40] Genau. Dadurch habe ich dann auch häufig eine Biss-Senkung. Das heißt also, die Kiefer, die sorgen natürlich immer dafür, dass ich Zahnkontakt habe. Und wenn ich jetzt so ein paar Millimeter von meinen Zähnen schon abgeschubbert habe, dann beiße ich einfach tiefer zu. Und das hat die Konsequenz, wenn das ewig weiter geht, irgendwann habe ich nichts mehr, auf dem ich kauen kann. Dann kann man aber auch nicht so ohne Weiteres da Kronen drauf machen auf die Zähne, weil dann muss ich wieder in die Höhe gehen, das macht dann vielleicht das Kiefergelenk mit so einem großen Sprung nicht mehr mit, weil es sich angepasst hat auf diesen anderen Biss. Und das sieht man einem Menschen auch von außen an, wenn das passiert ist. Das sehen wir ja auch auf Bildern und bei alten Menschen, die zahnlos sind, dass dann der Unterkiefer, der kommt dann nach vorne, weil der rotiert natürlich, der kommt nicht einfach nur dem Oberkiefer näher, sondern der rotiert so raus. Und dadurch wird das ganze Untergesicht flacher und ich habe dann einfach auch hier im Wangenbereich habe ich dann zu viel Gewebe, dann hat man so…
[01:47:46] Das fällt dann so ein.
[01:47:48] Ja, hängt so nach außen und das ist so das typische Aussehen eines alten Menschen, so wie wir uns einen alten Menschen vorstellen, dass das Untergesicht so zusammenschnurt, weil die Zähne eben nicht mehr da sind. Und deswegen, das ist auch ein Grund, weshalb man dafür sorgen sollte, dass die Bisshöhe erhalten bleibt.
[01:48:10] Was gibt es denn noch für Erkrankungen?
[01:48:12] Was haben Sie jetzt genannt? Ach so, Zahnfehlstellungen, ja, können auch krankhaft sein. Die sind oft eigentlich, wenn man ehrlich ist, nur kosmetischer Natur, können aber auch in stärkeren Ausprägungen natürlich die Kaufunktion erheblich behindern. Und man muss auch sagen, dass zur Gesundheit nicht nur das rein medizinische, also das physische Wohlbefinden gehört, sondern ja auch das psychische und das soziale Wohlbefinden. Also wenn man ganz total schiefe Zähne hat und traut sich nicht, damit in die Öffentlichkeit zu gehen, zu sprechen, zu lachen und so weiter, dann ist das auch eigentlich ein Krankheitszustand, den man beheben sollte. Ja, was gibt es noch? Wir haben geredet über die Erkrankungen des Zahnfleisches, des Zahnhalteapparates und der Zahnhartsubstanzen. Natürlich können auch die Weichgewebe im Mund Gegenstand von Erkrankungen sein. Man kann zum Beispiel Krebs kriegen in der Mundhöhle. Also Mundbodenkrebs, Zungenkrebs, das sind ziemlich hässliche Erkrankungen, die jeden erwischen können, muss man klar sagen. Glücklicherweise sind die nicht so häufig. Und wesentliche Risikofaktoren sind Alkohol und Zigaretten. Das weiß man, dass auch so für Erkrankungen des Esophagus, also der Speiseröhre und Schlund, da habe ich zufälligerweise noch eine Zahl im Kopf, dass das Risiko dort ein Karzinom zu bekommen, wenn ich rauche und trinke, 83-mal so hoch ist, als wenn ich das nicht tue. Also da kann man auch etwas für seine Gesundheit tun, wenn man auf übermäßigen Alkoholkonsum und insbesondere auf Rauchen verzichtet. Aber wie gesagt, das sind Erkrankungen, die trotzdem jeden treffen können. Umso wichtiger ist regelmäßiger Besuch beim Zahnarzt, der eben nicht nur die Zähne und den Zahnhalteapparat anguckt, sondern auch die Weichgewebe.
[01:50:39] Ah ja, das heißt, wenn meine Zunge irgendwie komisch aussieht, dann guckt sich das der Zahnarzt schon erst mal an?
[01:50:44] Ja, das guckt sich der Zahnarzt an.
[01:50:46] Und wahrscheinlich, ich meine, das ist eine Schleimhaut, da kann man wahrscheinlich auch Pilzinfektionen kriegen, oder?
[01:50:51] Pilzinfektionen sieht man eigentlich nur bei systemisch oder lokal immunsupprimierten Patienten, das heißt, systemisch bedeutet, wenn ich… Zustand nach Organtransplantation, wo mein Immunsystem ja zur Verhinderung der Abstoßungsreaktion unterdrückt werden muss. Dann kann das auch bedeuten, dass dann Pilze überwuchern in der Mundhöhle. Wenn ich über längere Zeit Antibiotika zu mir genommen habe, kann das passieren. Das wären also so systemisch immunsupprimierte Patienten. Man beobachtet das aber auch bei Prothesenträgern. Dann ist es so eine lokale Situation, die dadurch zustande kommt häufig, dass unter Prothesen, also herausnehmbarem Zahnersatz, dass sich dort ein Milieu bildet, was für die Existenz von Pilzen sehr gut ist, nämlich so ein schönes feuchtes Milieu, was auch noch einigermaßen bakterienarm ist. Deswegen können sich unter Prothesen gut Pilze bilden. Und wenn ich einen abgesunkenen Biss habe, das heißt also, wenn meine Prothese nicht mehr richtig passt, also zu abgekaut ist oder der Knochen sich zu stark abgenutzt hat oder wenn ich aufgrund von Erosionen… kann es auch passieren, eine Abrasion also oder Knirschen zum Beispiel, eine Biss-Senkung habe und ich dann Falten im Bereich der Mundwinkel entwickle, dann können sich in diesen Falten kann dann auch ein gutes Milieu für die Vermehrung von Pilzen entstehen. Das ist etwas, was unangenehm ist, aber eigentlich auch reversibel. Also nicht lebensbedrohlich und auf nicht bleibend, sondern das kriegt man wieder in den Griff. Ja, was kann im Mund noch passieren? Klar, im Mund können sich auch Allgemeinerkrankungen manifestieren, insbesondere auch bei Kindern also sieht man so den ersten Ausbruch mit Herpes, die Erstinfektion mit Herpesviren kann sich zum Beispiel in der Mundhöhle manifestieren. Und was sich in der Mundhöhle auch sehr häufig zeigt, immer häufiger, ist die Mundtrockenheit als Begleitsymptom bestimmter Erkrankungen, zum Beispiel Sjögren-Syndrom führt auch zu Mundtrockenheit. Das ist ein Syndrom, das zur Fibrosierung von elastischem Gewebe führt und auch dazu führt, dass eben die Speicheldrüsen vernarben, kann man eigentlich sagen, und dadurch eben nicht mehr so viel Speichel bilden können. Das wird in der Literatur angegeben als die häufigste Erkrankung, die mit Mundtrockenheit einher geht. Aber wir wissen heute auch, dass ungefähr 250 Medikamente für eine Reduktion des Speichelflusses verantwortlich sein können. Man kann Pi mal Daumen sagen: Je mehr Medikamente ein Mensch zu sich nimmt, umso höher ist sein Risiko, dass er einen trockenen Mund bekommt. Und trockener Mund ist etwas sehr Unangenehmes, weil dann die Schleimhäute aneinander reiben und weh tun und eben nicht diese Schmierung durch den Speichel haben. Und ein trockener Mund schafft auch günstige Bedingungen für Karies. Also man sieht, dass Patienten mit trockenem Mund, dass bei denen eine Karies sich sehr viel schneller und aggressiver entwickelt als bei Menschen mit normalem Speichelfluss.
[01:55:17] Gut, jetzt haben wir schon eine ganze Menge über die verschiedenen Krankheiten erfahren. Wie ist es denn mit der Diagnostik? Also ganz ehrlich, ich meine, ich hab nicht so viel Erfahrung mit Zahnarztbesuchen, muss ich sagen. Aber das, was der Zahnarzt ja als Erstes immer macht, ist in den Mund gucken. Und Röntgen wird noch relativ oft angewendet. Und ich habe aber so das Gefühl, dass eigentlich zumindest so die Standard-Diagnostik, die man beim Zahnarzt hat, immer noch so ziemlich handfest ist. Täuscht das?
[01:55:48] Ja, dagegen ist ja auch nichts einzuwenden.
[01:55:50] Nein, nein, aber das scheint immer noch so… Also, ich weiß nicht… Dass jemand mal mit der Lupe in den Mund guckt oder so, das ist mir jetzt noch nicht passiert.
[01:55:57] Nein?
[01:55:57] Also, nein.
[01:55:58] Also ich arbeite eigentlich nur mit Lupe, nur mit Lupenbrille, weil man damit natürlich Dinge besser erkennen kann, obwohl das nicht bedeutet, dass man mit einer Lupe automatisch besser diagnostiziert. Vielleicht, bevor ich zu Grundlagen der Diagnostik komme, vielleicht sage ich dazu gleich etwas. Das Problem ist, dass der Übergang, auch wenn man sich das als Laie vielleicht anders vorstellt, der Übergang zwischen Krankheit und Gesundheit ist oft nicht scharf begrenzt, sondern ist fließend. Und wenn ich als Zahnarzt Krankheit diagnostiziere in Form einer beginnenden Karies zum Beispiel, die ist ja am Anfang nur eine ganz kleine Entkalkung, die ich nichtmal unter dem Rasterelektronenmikroskop sehen kann. Dann kann ich die irgendwann dann mal, wenn ich so einen Zahnschnitt mir besorge, unter dem Lichtmikroskop vielleicht sehen und dann mit der Lupenbrille und dann irgendwann vielleicht auch mal mit dem bloßen Auge. So. Dann ist es so, dass wenn ich das Ganze mit der Lupe angucke oder mit irgendwelchen sehr feinen elektronischen Hilfsmitteln, die es auch gibt und die auch immer mehr eingesetzt werden, dann bedeutet das, dass ich einfach so einen Schaden schon früher erkenne, als ich das mit meinem normalen Auge erkenne. Das ist eigentlich erstmal gut, weil je früher man einen Schaden erkennt, umso weniger zerstörerisch kann man ihn dann eigentlich auch in den Griff kriegen. Jetzt hat aber das frühe Erkennen häufig zur Folge, dass man dann auch früher invasiv therapiert. Das heißt also, ab dem Augenblick, wo ich dann mit meiner Lupenbrille eine kleine Entkalkung erkenne, setze ich vielleicht schon den Bohrer an und bohre da ein Loch rein, was vielleicht noch gar nicht nötig gewesen wäre, was ich vielleicht durch eine bessere Mundhygiene und Fluoridanwendung und so weiter wieder stabilisiert hätte bekommen können. Deswegen bedeutet frühere Diagnostik nicht automatisch, dass es auch für meine Gesundheit besser ist. Ich muss dann auch mein Handeln nach der Diagnostik umstellen. Ich muss, wenn ich sehr fein diagnostiziere, dann muss ich auch sehr fein abgestimmt in der Therapie vorgehen und darf nicht die gleichen therapeutischen Instrumente wie vorher benutzen. Sonst, und da gibt es Studien, die das auch zeigen, sonst folgt aus einer feineren Diagnostik einfach nur mehr Übertherapie, dass ich Füllungen mache, wo ich eigentlich noch gar keine machen müsste. Insofern muss man sagen, ist diese sehr differenzierte und feine Diagnostik nicht nur ein Nutzen, sondern birgt auch eine Gefahr. Ich will das jetzt nicht verallgemeinern für die Medizin, das ist sicherlich bei einer Krebsdiagnostik nochmal anders als bei einer Kariesdiagnostik. Aber dessen muss man sich bewusst sein. Vom Grundsatz her ist das gut, je früher ich etwas erkenne, aber ich darf dann trotzdem nicht mit den gleichen Instrumenten wie früher da dran gehen, sonst mache ich eine Übertherapie. So, aber wir wollten jetzt eigentlich ja auf die Grundzüge der Diagnostik zurück kommen und Sie sagten, Ihnen kommt die Diagnostik beim Zahnarzt ziemlich handfest vor. Wenn Sie damit meinen, ziemlich klinisch orientiert, ja, dann stimmt das und das finde ich auch richtig so. Was gehört dazu zu einer Diagnostik beim Zahnarzt? Das Erste ist eigentlich, wenn der Zahnarzt sich die Mundhöhle anguckt, dass er dann mal einen Blick auf die Schleimhäute wirft. Also gibt es da irgendwie ein Frühstadium eines Krebses oder auch schon ein fortgeschritteneres Stadium? Das wird er glücklicherweise sehr sehr selten nur sehen. Und das ist auch ein Grund, weshalb man da oft nicht so genau hinguckt, weil wenn man irgendwie in 45 Berufsjahren nur zwei solcher Fälle sieht, dann hat man irgendwann, ich sage mal, die Hoffnung schon aufgegeben, dass man irgendwas entdeckt und guckt dann vielleicht gar nicht mehr so genau. Aber man muss einfach sehen, so ein Krebs ist, ein Karzinom in der Mundhöhle ist etwas sehr Bedrohliches und deswegen ist es einfach wichtig, dass man da immer guckt. Also damit fängt die Untersuchung der Mundhöhle an. Vorher macht man natürlich schon die Anamnese des Patienten. Was hat er für Erkrankungen? Was nimmt er für Medikamente? Was ist sein Anliegen, weshalb er kommt? Und dann guckt man in den Mund und dann guckt man sich als Erstes das Weichgewebe an. Sehr hilfreich ist es da auch, wenn man den Patienten mal „Ah“ sagen lässt und einen Blick in den Rachen wirft, weil auch da kann etwas entstehen und wenn man dann mit dem Finger mal den Mundboden austastet und guckt, ob da irgendwas verhärtet ist. So, das dauert nicht länger als 30 Sekunden, da hat man das hinter sich. Dann guckt man, dann legt man die Zähne trocken, wenn es erforderlich ist. Das ist meistens der Fall. Pustet die ja dann auch trocken, also Watterollen und Luft. Und unter guter Beleuchtung guckt man sich dann die Zähne tatsächlich klinisch an und da kann man eigentlich das Meiste schon erkennen. Wenn da dicke Beläge drauf sind, dann muss man die erst entfernen, weil es kann ja sein, dass eine Karies unter den Belägen versteckt ist.
[02:01:42] Und das sieht man mit bloßem Auge tatsächlich?
[02:01:44] Die Beläge? Ja, die sieht man. Natürlich, die sieht man. Und die kann man dann wegputzen, dass man saubere Zähne… Weil man braucht saubere Zähne und gute Beleuchtung und Trockenheit, um einen guten Befund zu machen. So. Dann hat man das gemacht und beurteilt dann also alle gesunden Zahnflächen und alle Füllungen. Und wenn man dann durch das ganze Gebiss durch ist, dann muss man sich die Frage stellen, ob es sinnvoll ist Röntgenbilder zu machen, weil ich natürlich bei einer klinischen Untersuchung immer nur an den Stellen eine Diagnostik machen kann, die sichtbar sind. Da, wo die Zähne aneinander stoßen, da sehe ich natürlich nichts. Deswegen brauche ich da ein Röntgenbild. Ich brauche aber jetzt nicht bei jeder Untersuchung ein Röntgenbild, weil Röntgenstrahlen haben ja auch eine schädliche Wirkung für den Menschen und deswegen sollte man sie nur dann verwenden, wenn es wirklich auch sinnvoll ist. So, und das ist abhängig vom Krankheitsrisiko. Wenn ich jetzt einen Jugendlichen habe, der keine Zahnseide verwendet zum Beispiel, wo ich sehe: Ah, in den Zwischenräumen ist da viel Plaque und Zahnfleischentzündung, da muss man es da häufiger machen als bei einem Erwachsenen, wo ich sehe: Das sieht alles wunderbar aus, der verwendet jeden Tag Zahnseide, da blutet nichts, da sind keine Beläge. Dann kann man da den Zeitraum ein bisschen länger machen. Aber auch da muss ich ab und zu mal diese Röntgenaufnahmen von den Zahnzwischenräumen machen, um zu sehen, ob da eine Karies ist. Das ist ganz wichtig. Wenn ich das gemacht habe, dann ist der nächste Schritt, dass ich dann eine stumpfe Sonde nehme und dann macht man so ein sogenanntes Screening. Das ist noch keine richtige Diagnostik, sondern nur mal so eine Prüfung, ob ich da weiter in eine Diagnostik einsteigen muss am Zahnfleisch. Ich gucke, gehe jeweils an jedem Zahn an zwei Stellen ins Zahnfleisch rein und gucke, ob da eine Tasche ist. Und wenn ich an keinem Zahn etwas feststelle, dann war es das. Bis 3,5 mm gilt es als normal und wenn es tiefer geht, dann muss ich eben an der Stelle eine feinere Diagnostik machen und dann entscheiden, ob ich da eine Therapie mache oder wie ich da weiter vorgehe. Also deswegen ist immer wichtig… Neben einer guten Kariesdiagnostik ist auch eine wichtige Parodontaldiagnostik, also des Zahnhalteapparates, wichtig. So. Da gibt es… Das ist eigentlich das Brot-und-Butter-Geschäft, diese beiden Dinge. Und dann kann es natürlich durchaus sinnvoll sein auf elektronische Helfer auch zurück zu greifen. Wenn ich zum Beispiel auf einer Kaufläche nicht ganz sicher bin, ist das jetzt schon eine Karies oder ist es noch eine beginnende Karies im Sinne einer Verfärbung, dann gibt es so kleine Laser-Detektoren, mit denen man das ganz gut nachmessen kann und mit denen man auch ganz gut messen kann, ob sich eine gegebenenfalls vorhandene Läsion verändert. Oft ist es ja so, dass ich als Kind mal nicht gut geputzt habe. Dann kriege ich so eine kleine Karies. Dann putze ich besser, nehme mehr Fluorid zu mir, dann stabilisiert sich das und bleibt den Rest des Lebens so. Und da sollte man als Zahnarzt auch nicht einfach sofort drauf los bohren, sondern da mal gucken, wie entwickelt sich das einfach? Und das kann man mit so einem kleinen Lasergerät gut machen. Das gibt mir einen Wert für diese kariöse Läsion. Je größer der Wert, desto mehr Karies, kann man sagen. Und dann schreibe ich mir das auf, wo ich das gefunden habe. Und ein Jahr später, wenn der Patient wieder kommt, oder ein halbes Jahr später, messe ich nochmal und dann kann ich sehen: Ist der Wert gleich geblieben, besser geworden, schlechter geworden?
[02:05:42] Also das ist ein optisches Verfahren, irgendwie?
[02:05:44] Das ist ein laseroptisches Verfahren, genau. So ein Fluoreszenzverfahren. Und damit kann ich dann sehr gut Verlaufsbeobachtungen machen. Das heißt, ich entscheide nicht mehr so nur nach dem Augenblick, sehe was und setze sofort den Bohrer an, sondern gucke: Wie entwickelt sich das eigentlich? Manchmal denken Zahnärzte und auch Patienten auch so: „Naja, vorsichtshalber machen wir doch lieber mal eine Füllung.“ Das ist eigentlich nicht der richtige Weg, weil eine Füllung kostet erst mal immer zusätzliche Zahnhartsubstanz, die ich wegbohren muss, damit ich da eine Füllung rein machen kann. Das ist mehr als das, was die Karies eigentlich zerstört hat. Und es ist ja auch nicht so, als würde eine Füllung Sicherheit garantieren, sondern ich schaffe mir da eigentlich neue Krisenherde, nämlich den Füllungsrand, wo irgendwann dann wieder eine neue Karies entstehen kann. Deswegen ist es schon vernünftig zu versuchen eine Füllung zu verhindern oder zumindest hinauszuschieben. Und es ist trügerisch zu sagen: „Ach, zur Sicherheit machen wir mal eine Füllung“ oder „Zur Sicherheit ziehen wir den Zahn mal“. Das ist natürlich Unsinn.
[02:06:57] Ja, okay. Wird Ultraschall angewendet beim Zahnarzt?
[02:07:03] Ja, aber nicht diagnostisch. Das ist zwar eine Zukunftsidee, eigentlich schon ein bisschen mehr als eine Vision, dass man Ultraschall verwendet, auch um Karies festzustellen. Aber im Augenblick funktioniert das noch nicht, weil im Mund zu viele Grenzflächen aufeinander stoßen. Das ist da das Problem. Und auch Metalle vorkommen, wenn man Füllungen oder Kronen oder ein Implantat hat. Das gibt dann Verstrahlungen. Also Ultraschall in der Zahnmedizin wird eigentlich nur therapeutisch verwendet, zum Beispiel um Zahnstein zu entfernen.
[02:07:52] Okay. Und so Sachen wie CT oder MRT? Braucht man nicht, weil man im Röntgen alles sehen kann, oder…?
[02:08:01] Also was man macht ist ein… Was zunehmend in den letzten Jahren in Mode, sage ich mal, gekommen ist, ist eine digitale Volumentomographie. Also das ist im Grunde genommen ein CT beschränkt auf den Kopf. Das nutzt man, weil man damit einfach eine dreidimensionale Darstellung kriegt. Hat aber natürlich auch eine höhere Röntgenbelastung. Und das nutzt man vor allen Dingen in der Implantologie. Bei der Implantologie bohre ich ja ein Loch in den Kiefer und da läuft irgendwo ein dicker Nerv vorbei und den will ich nicht nur zweidimensional, sondern dreidimensional sehen. Und deswegen macht man in der Implantologie häufig diese Tomographien, diese Volumentomographien, wo ich das dreidimensional sehen kann.
[02:08:58] Und Laborwerte im Sinne von Abstriche nehmen und im Labor auswerten? Das würde wahrscheinlich bei diesen entzündlichen Sachen ganz interessant sein.
[02:09:11] Ja, macht man eigentlich nur mikrobiologische Tests. Ja, wobei, es gibt auch mittlerweile Enzymtests, die man für die Aggressivität einer Parodontitis einsetzen kann. Das ist die MMP – Matrix-Metalloproteinasen, sind das. Die sind ein Indikator dafür, ob aktuell in meinem Knochen ein Abbauprozess vonstattengeht oder ob das sehr stabil ist. Das wird in der Parodontologie genutzt. Und ansonsten benutzt man halt bisweilen mikrobiologische Tests, um festzustellen, ob ein bestimmtes Krankheitsrisiko für Karies und oder Parodontitis besteht.
[02:10:03] Mir ist noch eine Frage zu den Erkrankungen eingefallen. An den Zähnen kann man keinen Krebs kriegen?
[02:10:09] Nein.
[02:10:10] Das ist ja auch ein Gewebe, das könnte doch auch bösartig sich verändern.
[02:10:17] Ja, also der Zahnschmelz nicht, weil das ist kein lebendes Gewebe mehr. Vom Grundsatz her, ja, könnten von dem Weichgewebe der Pulpa so etwas ausgehen, aber…
[02:10:33] Gibt es nicht?
[02:10:34] Ehrlich gesagt noch nie beschrieben worden. Das ist… Also Zahnkrebs wurde bis heute noch nicht entdeckt. Gott sei Dank.
[02:10:41] Ja. Das ist ja mal eine gute Nachricht. Okay. Was gibt es denn noch für diagnostische Verfahren? Ach so, diese Abdrücke werden oft noch gemacht, oder? Beim Kieferorthopäden oder beim Knirschen, dass man so ein…
[02:10:58] Ja gut, klar. Also beim Kieferorthopäden werden Abformungen gemacht, Gebissabformungen, um eine Diagnose der Zahnfehlstellungen zu machen und auch der skelettalen Problematik. Also wenn ich zum Kieferorthopäden gehe, habe ich oft nicht nur ein Problem der Fehlstellung von einzelnen Zähnen oder von Zahngruppen, sondern häufig auch ein Problem mit Kieferfehlstellungen, dass der Unterkiefer zu weit vorne oder hinten liegt oder der Oberkiefer. Und da macht man Analysen in der Mundhöhle. Da macht man natürlich auch Analysen im Röntgen. Da gibt es das sogenannte Fernröntgenseitenaufnahme, wo man auch Weichgewebe drauf hat, wo man auch sehen kann: Hat der Mensch ein fliehendes Kinn? Liegt das Kinn zu weit vorne, zu weit hinten und so weiter? Also das gesamte Profil wird da analysiert und da mache ich natürlich auch Modelle, um meine Diagnostik zu betreiben und letzten Endes auch die Planung, wo das denn dann mal hingehen soll in der Kieferorthopädie. Und weitergehende diagnostische Verfahren, die man teils manuell, teils instrumentell macht, sind natürlich auch Kiefergelenksdiagnostik. Also, habe ich irgendwie eine Arthrose im Kiefergelenk, so dass mein Gelenk schief läuft? Sie haben ja da immer, anders als an anderen Stellen des Körpers, haben Sie ja immer zwei Gelenke, die sich irgendwie simultan bewegen, nämlich rechtes und linkes Kiefergelenk. Und das kann natürlich auch symmetrisch oder asymmetrisch geschädigt sein. Und da gibt es auch dann unterschiedlichste Methoden, um das zu diagnostizieren. Das macht man durch Fühlen, Tasten, Hören. Gibt es ein Knacken? Aber eben auch durch entsprechende Instrumente. Mit so einem Gesichtsbogen kann man das analysieren, wo man dann auch so die Rotationspunkte des Kiefergelenkes sich anguckt. Und es geht mittlerweile auch digital, also da gibt es Geräte, mit denen man digital so eine Diagnostik machen kann.
[02:13:11] Ah ja, das wollte ich nämlich gerade fragen, weil bei mir wurde mal so ein – Wie haben Sie das genannt? – Abformung gemacht. Und dann meinte…
[02:13:18] Eine digitale Abformung?
[02:13:18] Nein, mit so weichem Material, was so auf die Zähne gedrückt wurde. Und dann meinte eben der Zahnarzt, er macht jetzt ein Modell. Und dann kam er irgendwie eine Woche später an mit so einem, ich weiß nicht, ich glaube das ist Gips oder so, von meinen beiden… also von meinem Kiefer. Und da habe ich mich nämlich auch gefragt: Das könnte man doch bestimmt inzwischen toll digital machen, dass man dann am Rechner sieht, wie die Zähne aufeinander sitzen und öffnen und schließen. Das ist wahrscheinlich auch ein bisschen so eine Kostenfrage, oder?
[02:13:46] Ja, ist eine Kostenfrage. Also kann man machen, dazu gibt es Scanner, mit denen man wirklich auch das ganze Gebiss scannen kann. Das hat sich in den letzten Jahren sehr entwickelt, dieses 3D-Scannen. Aber ich brauche dafür wesentlich mehr Zeit. Man denkt vielleicht, das geht irgendwie schneller, man hält da nur einmal die Kamera und schnapp. Nein, man muss dann… Weil die Kameras sind natürlich immer nur so groß, dass man immer nur einen Teil eines Kiefers aufnehmen kann. Und die muss man dann so vorschieben und nach und nach muss das dann zusammengesetzt werden. Weil Sie können sich vorstellen, dass eine Kamera, also ein Sensor, der groß genug ist, um ihr ganzes Gebiss auf einmal aufzunehmen, der passt gar nicht in ihren Mund rein. Das kriegt man nicht hin. Deswegen hat man da kleine, mit denen man Zahn für Zahn quasi scannt. Und dann kann aber das Programm entsprechend die zusammensetzen, so dass ich am Ende den kompletten Zahnbogen hat. Aber das dauert halt ein bisschen und das geht auch öfter mal schief. Da muss ich nochmal ordentlich einpudern. Das darf nicht zu viel Reflexionen geben. Das ist nicht so einfach. Und dann muss ich Ober- und Unterkiefer machen, also ich brauche dafür deutlich mehr Zeit als für diesen Gebissabdruck. Den Begriff verwende ich immer nicht so gerne, Abdruck, weil ein Abdruck ist eigentlich etwas, was ein Fuß hinterlässt. Wir nennen das eher Abformung. Aber landläufig sagt man halt Abdruck dazu. Jedenfalls, der geht wesentlich schneller und ist preisgünstiger. Nichtsdestotrotz darf man auch in der Kieferorthopädie das digital machen und das ist auch… Auch das digitale Archivieren ist anerkannt, weil das ist natürlich auch ein Problem. Die kieferorthopädischen Modelle, die müssen zehn Jahre archiviert werden. Wenn Sie eine große kieferorthopädische Praxis haben, da haben Sie tonnenweise diese Modelle rumstehen. Das ist natürlich eleganter, die dann digital zu archivieren. Ich glaube aber, dass wenn man beim Gutachter antreten muss, dann muss man die immer auch noch physisch vorliegen haben. Und dann müssten Sie halt über einen 3D-Printer müssten Sie halt dann da wieder ein Modell generieren. Oder eins fräsen oder wie auch immer. Aber das gibt es eigentlich alles.
[02:16:12] Das Thema – Wie heißt das? – Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ist auch ein Fall für den Kieferorthopäden, oder? Oder hat der Zahnarzt da auch was mit zu tun?
[02:16:21] Der Zahnarzt hat da dann erst mit zu tun, wenn prothetische Lösungen gesucht werden müssen. Das ist ja dann häufig so, dass Lippen-Kiefer-Gaumenspalte auch mit Zahnlücken verbunden ist und dass man dann da prothetisch tätig werden muss. Primär ist es aber ein Thema für einen Chirurgen und einen Kieferorthopäden. Also die müssen ja… Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, die müssen ja operiert werden. Nur kieferorthopädisch kriegt man das ja nicht hin. Die müssen operiert werden, in aller Regel mehrfach operiert und das ist dann immer so eine Kooperation zwischen Kieferorthopäden und Chirurgen, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen.
[02:17:01] Gut, vielleicht können wir noch ein bisschen über das Thema Behandlung sprechen. Jetzt haben wir die Diagnostik. Wenn wir jetzt wieder zur Karies zurück gehen, dann ist es ja so, da wird dann eben im Zweifel gebohrt und gefüllt. Was ist denn da die Idee dahinter? Man entfernt diesen Kariesherd? Und bereitet das… Also ein Loch hat man ja sowieso schon. Also wenn jetzt das Karies ausgeprägt ist, hat man ja schon ein Loch. Kann man aber nicht einfach so füllen, sondern erst wird gebohrt, um alles sauber zu machen?
[02:17:33] Ja. Also erstens, Sie haben ja kein sauberes Loch, sondern Sie haben ja ein Loch, dessen Boden und Wände bedeckt sind von massenweise Bakterien und von Gewebe, das von Bakterien zerfressen und erweicht ist. Da ist ja die Karies noch drin. Da ist zwar ein Loch, aber da ist… So, und da muss man das, was an Karies noch vorhanden ist, das muss alles raus, weil wenn Sie die Karies nicht restlos entfernen, wobei man darüber streitet, wie viele Bakterien und wieviel demineralisiertes Gewebe man noch drin lassen kann, da ändert sich gerade auch ein bisschen die Sichtweise, aber jedenfalls: Man muss die Karies entfernen, sonst gibt es da ein Rezidiv unter einer Füllung. Das heißt, sonst lebt die weiter und frisst sich auch weiter vor. Und man muss das Loch so gestalten, dass man auch vernünftig da eine Füllung rein machen kann. Also da gibt es so ein paar geometrische Prinzipien, die befolgt werden müssen und so ein paar Grundsätze, dass ich zum Beispiel jetzt keinen dünnen Überhang von nicht unterstütztem Schmelz oder sowas habe. Also ein paar Dinge muss man da für die Vorbereitung einer Füllung einfach anders machen, als es die Karies gemacht hat. Deswegen ist da Bohren und Schleifen immer noch angesagt.
[02:19:00] Und Bohren kann man sich so vorstellen wie ein Bohrer beim Handwerker zuhause, außer dass die natürlich sehr viel präziser sind und, ich glaube, auch schneller drehen, oder?
[02:19:11] Also ein… Naja, sagen wir, das sind keine… Wir verwenden in der Zahnmedizin keine länglichen so Lochbohrer, sondern Rundbohrer. Ein Rosenbohrer zum Beispiel. Der ist rund und hat so rundumlaufende Schneiden und mit dem schneidet man das erweichte Gewebe aus der kariösen Stelle heraus und sorgt dafür, dass das Ganze kariesfrei ist. Das ist das Ding, was so rumpelt und ohne Wasser betrieben wird. So. Und dann muss man natürlich auch Schmelz und Dentin, gesundes Dentin und gesunden Schmelz in gewissem Umfang bearbeiten. Und das macht man nicht mit Bohrern, sondern mit Schleifern. Das sind in aller Regel zum Beispiel runde oder zylinderförmige oder kegelförmige Gerätschaften, die mit Diamant belegt sind.
[02:20:11] Und die rotieren aber auch?
[02:20:13] Die rotieren sehr schnell. Und das ist eigentlich kein Bohrer, der so ein Wendel hat, also eine Schneide, sondern das ist ein Schleif- oder Fräsgerät.
[02:20:25] Okay. Eine Frage von einem Hörer war, warum das Bohren oder ich weiß nicht, vielleicht auch Schleifen, immer so ein fieses Geräusch macht. Das liegt wahrscheinlich genau an der Frequenz, oder? Das ist eben eine andere Frequenz, als wenn ich zuhause ein Loch in die Wand bohre.
[02:20:38] Naja, also wenn Sie mit dem Bohrer, mit dem Sie zuhause ein Loch in die Wand bohren würden, ein Loch in Ihren Zahn bohren würden, wäre das auch ein fieses Geräusch für Sie. Also das sind… Verschiedene Dinge spielen da eine Rolle. Das Eine ist natürlich die Frequenz, also diese hohe Frequenz. Das machen Turbinen, die sind luftgetrieben und die arbeiten mit 200.000 Umdrehungen pro Minute. Die sind richtig super schnell. Das ist… Hört man nicht so gerne. Und dann hat man natürlich auch noch das Phänomen, dass man normalerweise mit den Ohren hört. Es gibt aber auch ja eine Übertragung des Schalls über den Knochen. Die Knochenleitung, wo es dann sofort über den Knochen ins Innenohr geht. Und das empfinden wir natürlich auch als unangenehm, weil da merken wir: Da wird an uns irgendwas gemacht. Das ist das zweite Phänomen. Also nicht nur Ohren-, sondern Knochenleitung. Ja und das dritte Phänomen ist natürlich einfach auch, dass das etwas ist, worüber ich keine visuelle Kontrolle habe. Also ich liege da, mache den Mund auf und der bohrt da irgendwas. Und das verstärkt dann natürlich die Wirkung dieses Geräusches auch noch. Und deswegen empfindet man das als unangenehmer, als wenn ein Loch in die Wand gebohrt wird. Aber für die Wand ist das wahrscheinlich genauso schlimm wie für uns, wenn Karies gehobelt werden muss.
[02:22:04] Okay. Wie ist das denn mit der Füllung? Ist so eine Füllung flüssig? Oder…
[02:22:10] Also… Fließfähig. Flüssig wäre jetzt übertrieben, aber die Materialien, die man verwendet, die bezeichnet man als fließfähig oder stopfbar. Das heißt, das ist auf jeden Fall immer ein Material bei einer Füllung, die der Zahnarzt direkt macht, das plastisch verformbar ist. Das ist beim Amalgam so, das ist so, würde man jetzt nicht sagen flüssig, fließt nicht weg, aber es ist plastisch verformbar.
[02:22:42] Also so wie Knete?
[02:22:44] Genau. Ja, Sie haben recht, wie Knete ungefähr. Und so sind Kunststoffmaterialien auch. Und die gibt es auch fließfähig. Manchmal ist es wichtig, man versucht ja Immer kleinere Löcher zu bohren, um nicht zu viel Zahnhartsubstanz zu opfern. Und dann ist es oft unheimlich klein und dann hat man nicht die richtigen Instrumente, weil es so feine Instrumente gar nicht gibt. Und das ist dann schwierig mit so zähfließenden Materialien zu füllen, dass man wirklich fließfähige Materialien nimmt, die mit einer ganz dünnen Nadel appliziert werden, so dass das Material da hin fließt, wo man so richtig gar nicht hin kommt. Und dann kommt da oben drauf aber ein anderes, stabileres Material noch. Also ja, auf jeden Fall plastisch verformbar sind die Materialien und dann entweder selbsterhärtend wie Amalgam. Das ist nach einer Stunde schon ziemlich hart, hat Endhärte so nach 24 Stunden, aber nach einer Stunde, ein bis zwei Stunden, kann man darauf kauen. Und dann gibt es die neuen Materialien, das sind diese Kunststoffe. Wobei Kunststoff eigentlich auch nicht der richtige Begriff ist. Ein Kunststoff wäre ein Polymer, aus dem man zum Beispiel Prothesen herstellt, was nicht so stabil ist, wie man es eigentlich für eine Zahnfüllung braucht. Deswegen sind diese Polymere, diese Kunststoffe, gefüllt mit ganz fein gemahlenen Gläsern oder Keramiken. Und die verstärken dieses Material so, dass es wirklich so hart und so abrasionsfest ist wie Zahn. So. Und diese Materialien, die dann auch Zahnfarbe annehmen können, die können im Grunde genommen jede Farbe haben, die werden dann auch in die Füllung, also in das Loch des Zahnes, in die Kavität hinein, appliziert und dann mit Licht ausgehärtet. Da ist dann ein Photoinitiator drin. Wenn dieser Photoinitiator mit Licht einer bestimmten Wellenlänge angeregt wird… Das ist übrigens kein UV-Licht, weil das ist zu gefährlich in der Mundhöhle. Ganz am Anfang hat man das gemacht, aber das ist ein Blaulicht einer bestimmten Wellenlänge, auf die dieser Photoinitiator anspricht. Und dann setzt der die Polymerisation dieses Kunststoffes in Gang. Und das ist dann sofort nach 40 Sekunden ist das Zeug hart.
[02:25:05] Das hat dann quasi schon seine Endhärte erreicht?
[02:25:07] Ja, das hat nach 40 Sekunden die Endhärte.
[02:25:11] Okay. Es gab auch eine Frage von einem Hörer: Was bedeutet ein-, zwei- oder dreiflächige Füllung? Hat das damit was zu tun?
[02:25:18] Nein, das hat etwas mit dem Schaden am Zahn zu tun. Also ein Backenzahn, wenn wir annehmen, diese Tasse hier wäre jetzt ein Backenzahn, dann hat der Backenzahn ein vorne, das ist eine Fläche, er hat ein hinten, der hat ein oben drauf, das wäre dann eine dritte Fläche und er hat ein außen, also zur Backe hin und ein innen zur Zunge hin. Also hat ein Backenzahn vorne, oben, hinten, außen, innen – fünf Flächen. Wenn jetzt eine Füllung gemacht werden muss, die so groß ist, dass sie alle diese fünf Flächen betrifft, dann wäre das eine fünfflächige Füllung.
[02:25:58] Ah verstehe, das ist eine geometrische Geschichte.
[02:26:01] Ja, wenn Sie das so nennen wollen, ja. Also einflächige Füllung wäre zum Beispiel, wenn nur oben drauf ein Loch ist. Eine dreiflächige ist in aller Regel… Die klassische dreiflächige geht, weil Karies ja häufig im Zwischenraum entsteht, also an diesen Berührungsflächen, die geht von vorne, oben drüber nach hinten. Das ist dann so die klassische dreiflächige Füllung.
[02:26:24] Eine weitere Frage war: Warum werden Füllungen nicht „rund“ vorbereitet? Da kann ich mir ehrlich gesagt nicht so viel drunter vorstellen, aber ich weiß nicht, der Bohrer macht ja in erster Näherung wahrscheinlich ein rundes Loch, oder? Weil der ja rotiert. Nein? Das wird dann so hin und her geführt, dass…
[02:26:41] Ja, aber der Bohrer ist… Nein, der macht eigentlich kein rundes Loch. Der macht ein Loch mit abgerundeten Ecken, aber kein rundes Loch. Das ist üblicherweise ja so ein Zylinder, also so etwas stabförmiges. Da mache ich kein rundes Loch, nein.
[02:26:57] Okay, das ist dann mehr wie eine Fräse oder sowas. Man bewegt sich halt hin und her.
[02:27:02] Vielleicht verbirgt sich dahinter die Frage: Warum macht man keine Formkörper?
[02:27:09] Ja, ja, dass das schon angepasst ist an die Form des Loches.
[02:27:12] Ja, das hat man auch schonmal verfolgt mit Formkörpern. Das bedeutet aber, dass man die Zahnpräparation auch so machen muss, dass der Formkörper rein passt. Gut, die kann man dann in unterschiedlichen Größen machen, aber nichtsdestotrotz bedeutet es, dass Sie sozusagen den Schaden dem Restaurationsmaterial anpassen und nicht umgekehrt. Eigentlich will man ja nur das rausbohren exakt, was erkrankt ist an Zahnhartsubstanz. Und dann noch so diese Nachbearbeitungsdinge machen, von denen ich eben gesprochen habe und Schluss. Und Sie wollen ja eigentlich nicht das Loch im Zahn so groß schleifen müssen, dass dieser kleinste Formkörper rein passt. Das wäre das Pferd von hinten aufgesattelt. Das ist einer der Gründe, weshalb sich das nicht so durchgesetzt hat. Und dann ist es tatsächlich so, dass man eigentlich nie eine Situation hat, wo dann so ein Formkörper exakt hinein passt, sondern was man gemacht hat in früheren – da war das durchaus auch noch sinnvoll – in Zeiten, als diese kunststoffbasierten Sachen noch nicht so stabil waren, da hat man dann halt Kunststoff in den Zahn rein gemacht und hat dann mehrere Formkörper aus Keramik da rein platziert, so dass der Kunststoffanteil möglichst gering geworden ist, weil Kunststoffe haben auch Nachteile, nämlich unter anderem den, dass sie schrumpfen. Und wenn man die ganz fest an den Zahn anklebt, dann kann durch die Schrumpfung… entsteht dann eine Spannung auf dem Zahn, die nicht gut ist. Und wenn man… Je mehr man da an Keramik rein gepackt hat, umso weniger Schrumpfung hat man natürlich. Aber das hat sich nicht bewährt und die modernen Kompositmaterialien, wie man die nennt, also diese Mischung aus Kunststoff und Glas oder Keramik, die nennt man Komposit-, also zusammengesetzte Materialien. Die sind eigentlich so gut, auch was Schrumpfung… Und wir haben so gute Techniken, dass man das nicht mehr braucht. Das bringt eigentlich keinen Vorteil.
[02:29:19] Wo wir das jetzt gerade schon von den Formkörpern haben, können wir vielleicht zu dem Thema Implantate überleiten. Also eine Füllung ist: Es wird irgendwie ein Loch gebohrt und das wird gefüllt. Ein Implantat ist was, was außen irgendwie drauf sitzt, oder? Wie kann man das unterscheiden?
[02:29:37] Ein Implantat brauche ich erst dann, wenn der Zahn weg ist.
[02:29:44] Komplett weg?
[02:29:45] Wenn er komplett weg ist. Ein Implantat ist eigentlich nichts anderes als eine künstliche Zahnwurzel.
[02:29:52] Was ist denn eine Krone? Ist das kein Implantat?
[02:29:56] Nein, eine Krone kommt auf ein Implantat drauf manchmal, aber als Krone bezeichnet… Also ganz allgemein ist die Zahnkrone das Teil des Zahnes, was aus dem Zahnfleisch raus guckt. Das ist die natürliche Zahnkrone. Wenn die ziemlich zerstört ist, zum Beispiel weil sie schon eine fünfflächige Füllung hatte, also rundum kaputt, dann sagt man irgendwann: „Mit einer Füllung krieg ich das jetzt nicht mehr richtig hin.“ Dann wird der Zahn rund geschliffen und dann kommt da eine Krone oben drauf.
[02:30:28] Okay, aber die Wurzel ist noch die Originalwurzel?
[02:30:31] Die Wurzel ist noch Original.
[02:30:33] Okay, das heißt, das ist kein Implantat.
[02:30:34] Und auch das Innenleben des Zahnes steht noch. Das ist nur eine Hülle, die auf einen Zahn drauf geschoben wird. Also das ist letzten Endes eigentlich noch Zahnerhaltung. Der Zahn ist noch da, zumindest der wesentliche Teil, nämlich die Wurzel. Dann gibt es, wenn dann noch eine Wurzelbehandlung gemacht werden muss, weil ich eine Entzündung der Pulpa hatte, dann ist der nächste Schritt, dass man dann, wenn der Zahn dann schon so zerstört ist, dass ich eine Krone oben dran gar nicht mehr richtig befestigen kann, dann wird ein Stift in die Wurzel hinein gesetzt. Der wird heute festgeklebt, das sind heute Glasfaser-Stifte, keine metallischen mehr, weil metallische Stifte auch den Druck ungünstig eigentlich an den Zahn weitergeben. Glasfaser bewegt sich so wie die Zahnhartsubstanz, deswegen kann man das gut miteinander verkleben. Und dann kommt da oben drauf die Krone. Das ist aber auch immer noch kein Implantat, sondern das ist immer noch Erhaltung des Zahnes.
[02:31:33] Ist das dann eine Brücke? Oder was ist eine Brücke?
[02:31:35] Eine Brücke ist auch… Eine Brücke macht man auch erst, wenn ein Zahn verloren gegangen ist. Wenn ich eine Zahnlücke habe, wo ich vorne noch einen Zahn habe und habe hinten dran, hinter der Zahnlücke einen Zahn, dann baue ich mir auf den vorderen und auf den hinteren Zahn eine Krone und dazwischen eine Verbindung. Das ist wie eine Brücke, die einen Fluss überspannt, so überspannt diese Brücke mit den beiden Brückenpfeilern, nennt man die auch, das sind aber dann die Zähne, wo Kronen drauf gesetzt sind, die überspannt dann die Zahnlücke. Das ist sozusagen die Alternative zum Implantat. Also wenn ich einen Zahn verloren habe, kann ich entweder eine Brücke machen oder man kann die Lücke manchmal auch lassen, das muss man immer abwägen. Oder ich mache ein Implantat an der Stelle. Der Vorteil des Implantates ist, dass ich keinen Nachbarzahn beschädigen muss. Also wenn jetzt ein junger Mensch zum Beispiel durch einen Fahrradunfall einen Schneidezahn verloren hat und alle Zähne sonst sind kerngesund, dann wäre das ja schade, diese Lücke mit einer Brücke zu versorgen, weil dann müsste ich die Zähne, den Zahn vorne dran und den Zahn hinten dran auch beschleifen, um da die Kronen drauf schieben zu können, die dann die Brücke halten. Das ist ein Implantat natürlich eine sehr elegante Lösung. Für das Implantat bohre ich dann ein Loch in den Knochen. Das ist im Grunde genommen wie einen Metalldübel setzen, bohre ich ein Loch in den Knochen und schraube da einen Metallstift rein, eine metallene Zahnwurzel, kann man sagen. Da kommt dann, in aller Regel wird dann oben drauf erst mal das Zahnfleisch wieder zugenäht, so dass das Ding gut einheilen kann. Wenn es gut eingeheilt ist nach mehreren Wochen, schneide ich oben so einen kleinen Deckel raus, dann sehe ich das wieder und dann kommt auf das Implantat so ein Zwischenstück, das wird oben drauf geschraubt. Und auf dieses Zwischenstück kommt dann die Krone drauf.
[02:33:45] Okay, also ein Implantat ist wirklich ein künstlicher Zahn letztendlich?
[02:33:49] Eine künstliche Zahnwurzel ist das Implantat, ja. Das, was oben drauf kommt, das ist dann wieder eine Krone oder eine Brücke oder was. Das ist dann die gleiche Begrifflichkeit wie bei einem echten Zahn. Das Implantat selber meint eigentlich nur die künstliche Zahnwurzel.
[02:34:07] Und da muss man wahrscheinlich dann vorher irgendwie das im Kiefer vorbereiten, dass das dann nicht mit den ganzen Nerven da Konflikte gibt, oder?
[02:34:13] Ja, deswegen ist es gut, wenn man da vorher so eine digitale Volumentomographie gemacht hat, damit man genau sieht: Wie sehen die Strukturen aus? Denn man will ja weder in den Nerv reinbohren, noch will man irgendwie an der Seite rauskommen, denn das ist ja alles relativ schmal. Wenn man da ein bisschen schief hält, dann bohrt man da seitlich aus dem Knochen wieder heraus. Das wäre auch schlecht. Deswegen muss man da schon genau planen, wo man hin bohrt. Und manchmal ist der Knochen nicht dick genug. Wenn der Zahn schon vor längerer Zeit verloren gegangen ist und der Knochen hat sich zurückgebildet und dann hat man nur noch so wenig und da ist gleich der Knochen, da muss man da erst mal wieder Knochen draufbauen. Das macht man im Unterkiefer manchmal, indem man aus der Hüfte – oder eigentlich meistens macht man das dann so – da entnimmt man aus der Hüfte ein Stück Knochen, legt das da drauf, schraubt es fest, wartet, bis es festgewachsen ist und dann setzt man da ein Implantat rein. Im Oberkiefer hat man häufig das Problem, dass da die Kieferhöhle zu nah ist und wenn man da irgendwie nur so zwei, drei Millimeter Platz hat bis zur Kieferhöhle, dann würde man ja die Schraube in die Kieferhöhle hineinschrauben. Das ist auch nicht gut. Da muss man dann erst den Boden der Kieferhöhle hochheben, dann bildet sich dazwischen Knochen und dann kann man die Schraube rein machen. Also es sind oft vorbereitende Maßnahmen erforderlich, damit man überhaupt so eine Schraube da reindrehen kann.
[02:35:41] Okay und dieses Implantat ist für den Jugendlichen mit dem Fahrradunfall eine elegante Lösung, aber das heißt auch: Der muss dann erst mal ein paar Wochen mit der Zahnlücke leben, bis diese Vorbereitungen abgeschlossen sind.
[02:35:55] Ja. Also wenn ich… Sie sagen jetzt Jugendlicher, ich habe junger Mensch gesagt. Wichtig ist, dass man ein Implantat nicht vor 16 Jahren setzt, weil dann der Kiefer noch wächst und das Implantat bleibt aber, das wächst nicht mit. Das bleibt an der gleichen Stelle und ist knöchern oft mit dem Knochen verbunden, also der Knochen wächst da ran. Da bildet sich kein Zahnhalteapparat für einen natürlichen Zahn. Der Knochen wächst da dran und wenn dann der Knochen noch wächst, dann kann es sein, dass das Implantat an der Stelle kleben bleibt, wo es war und das ist dann nicht so günstig. Deswegen setzt man Implantate erst nach dem 16. Geburtstag, 16 – 18. Muss man gucken, ob das Wachstum schon abgeschlossen ist, dann kann man das machen. Und ja, man muss dann die Zeit, bis man da die Krone drauf machen kann, die muss man überbrücken. Es gibt auch sogenannte sofortbelastete Implantate, wo man sofort da eine Krone oben drauf macht. Das wird dann ein erhöhtes Risiko des Einheilens so ein bisschen. Und ansonsten muss man das provisorisch machen. Das kann man entweder herausnehmbar machen, dass man den Leuten so eine kleine Prothese macht, wo ein Zahn dran ist. Oder man klebt an die beiden Nachbarzähne provisorisch was dran. Oder man macht eine Schiene, also da gibt es Möglichkeiten das provisorisch zu überbrücken.
[02:37:24] Jetzt wird ja bei einer Krone oder… Ja doch, das betrifft dann die Krone… wird man ja irgendwie drauf achten müssen, dass die – ich denke jetzt bei den Molaren – dass die die richtige From hat, damit das eben mit den Kauflächen stimmt. Und weiter vorne hat das natürlich auch optische Beweggründe, also man muss irgendwie die richtige Farbe treffen und eben auch, was weiß ich, wenn es ein Schneidezahn ist, gucken, dass der zumindest ähnlich aussieht wie der andere. Wie wird sowas hergestellt?
[02:37:59] Ja, also da sollte man schon drauf achten, das stimmt. Deswegen braucht man als Erstes, wenn man eine Krone herstellt, immer Modelle von Ober- und Unterkiefer. Und man muss festlegen, wie die beiden Kiefer zueinander stehen, wie die zusammenbeißen. Das wird dann von einem Zahntechniker einartikuliert in ein Gerät, ein Artikulator, das die Bewegungen des menschlichen Kiefers nachahmt. Und in diesem Ding werden dann zum Beispiel die Backenzähne hergestellt. Damit kann man das also dann so herstellen, dass es später im Mund auch passt, dass die Form auch passt. Das sind viele Schritte, die dazwischen liegen von der Abformung über die Herstellung des Modells, dann die Herstellung der Krone und so weiter, dass es da immer zu geringfügigen Ungenauigkeiten kommen kann, die sich dann häufig darin zeigen, dass so eine Krone, wenn sie eingesetzt wird, ein bisschen eingeschliffen werden muss. Die Erfahrung haben sicherlich schon viele Patienten gemacht. Kann auch, wenn man sehr präzise arbeitet und versucht, all diese Dinge, diese Fehlermöglichkeiten, zu minimieren, dann kann das schon auch gut sein, dass man die reinmacht und sie passt perfekt. Aber kann eben sein, dass nachgearbeitet werden muss. Oft haben Menschen auch einen Biss, der nicht so ganz gesichert ist. Die beißen mal so und mal so ein bisschen. Und dadurch kann das auch kommen. Aber jedenfalls, das kann man eigentlich mit dieser Technik, die ich beschrieben habe, mit den Modellen in diesem Artikulator, kann man das gut simulieren. So, das ist die Funktion. Ästhetik, da hat der Zahnarzt einen Farbring, das heißt also so eine Skala mit verschiedenen Keramikzähnen, die er dann da so dranhalten kann und im Laufe der Jahre hat man da eine ganz schöne Erfahrung und weiß, welche Zahnfarbe passt. So. Wenn das jetzt ein Patient ist, der irgendwie einen Zahn mit speziellen Verfärbungen hat. Das gibt es, dass Leute so weiße Flecken auf den Schneidezähnen oder Linien oder irgendwas… Dann kann man entweder, wenn der Techniker im Haus ist, kann man den entweder rufen und kann sagen: „Komm mal her, guck dir das mal an, dann siehst du das. Mach das bitte so nach.“ Oder man fotografiert das.
[02:40:26] Wie, ach wenn jemand Flecken auf den Zähnen hat, dann will der die hinterher wieder haben?
[02:40:33] Ja, das kann sein.
[02:40:35] Okay, damit man nicht sieht, dass es künstlich ist.
[02:40:36] Ja, stellen Sie sich vor… Also ja, das Ziel ist eigentlich immer, das so aussehen zu lassen, dass man es nicht erkennt. Stellen Sie sich jetzt vor, Sie machen… Ein Schneidezahn ist verloren gegangen, der andere ist noch ganz natürlich. Und solche Schäden sind ja meistens, oder solche kleinen Fehlbildungen sind ja meistens symmetrisch. Wenn da ein Zahn mit Linien drauf, der andere ist ganz weiß, das sieht nicht aus. Deswegen macht man sowas nach. Das ist übrigens das schwierigste überhaupt, finde ich. Wenn einer von beiden mittleren Schneidezähnen ersetzt werden muss, weil das wirklich so hinzukriegen, dass Sie gar keinen Unterschied sehen, das ist schwierig.
[02:41:16] Und wie wird so eine Krone gemacht? Wird das gegossen oder geschliffen oder…? Also wird da ein Negativ gemacht und dann wird die Masse da reingegossen?
[02:41:25] Da gibt es die unterschiedlichsten Methoden heutzutage. Das kann man eigentlich alles machen, was Sie gesagt haben. Und das nächste wird sein, dass man die druckt mit 3D-Druckern.
[02:41:36] Das ist aber noch nicht in Anwendung?
[02:41:38] Nein, also Provisorien, sowas gibt es schon. Aber definitive Materialien, die sind noch nicht stabil genug. Also man kann eine Krone gießen, wenn die nur aus Metall besteht zum Beispiel. Dann wird eine Hohlform… Das wird dann erst in Wachs modelliert, dann wird das eingebettet, dann wird das Wachs ausgebrannt, dann man da so einen Hohlraum. In diesen Hohlraum gießt man dann Metall rein und dann hat man das Ding aus Metall. Das wird dann ausgebettet, geglättet, poliert und dann hat man so eine schöne Goldkrone. So. Im Seitenzahnbereich wird das heute auch manchmal immer noch gemacht, eher selten. Das ist die Gusstechnik. Ist sehr stabil und gut zu verarbeiten. Wenn man weiße Zähne haben will, dann ist… Das ändert sich gerade so, aber ich würde mal sagen, noch so der Standard ist, dass man dann auch eine Metallkrone hat, also einen Metallkern. Und dieser Metallkern, der wird keramikverblendet. Da kommt dann… Also wird erst mit dieser Gusstechnik wird erst der Metallkern hergestellt und dann trägt der Techniker außen mit einem Pinsel Keramikmassen drauf. Das nennt man eine Sinterkeramik. Die wird dann aufgesintert. Und die muss dann gebrannt werden und durch das Brennen wird die wie Porzellan, also wird die dann hart. Und am Ende wird die dann noch angemalt und dann bekommt sie so einen Glanzbrand und dann glänzt die so richtig schön, schöner als eine Porzellantasse. Und das ist eine sogenannte Metall-Keramik-Krone. Dann gibt es mittlerweile Keramiken, die gepresst werden. Da macht man auch eine Hohlform und da wird aber nicht gegossen. Also gießen bedeutet: Flüssig machen, reinlaufen lassen. Dann gibt es… Da hat man aber auch immer das Risiko, dass man da einen Lufteinschluss hat. Dann gibt es jetzt Keramikmassen, die können gepresst werden. Und es gibt, und das ist eigentlich immer mehr jetzt der Standard, vollkeramische Restaurationen, die gefräst werden. Da kann man entweder direkt im Mund die digitale Abformung machen, das, wovon Sie vorhin gesprochen haben. Also man präpariert den Zahn, macht eine digitale Abformung, die Daten werden übermittelt, am Computer wird dann die Krone konstruiert, die wird dann gefräst. Oder man macht ein Modell, scannt dieses Modell ein und dann wird gefräst. Aber das wird eigentlich immer häufiger, dass man so vollkeramische Restaurationen… Daraus kann man mittlerweile auch schon Brücken machen, dass die gefräst werden. Ist nicht ganz unproblematisch. Heutzutage verwendet man meistens Zirkonoxid. Zirkonoxid ist so hart, dass das auch der Zahnarzt mit seinen Diamantschleifern kaum noch bearbeitet bekommt. Und deswegen kann man es nicht im Endzustand fräsen, weil dann einfach die Schleifkörper sofort kaputt wären. Deswegen wird da ein sogenannter – wie nennt man das? So ein Grünrohling oder so, heißt der in der Technikersprache – wird dann bearbeitet. Das heißt, dass… Die Keramik ist noch nicht ganz fertig gebrannt, sondern die ist in einem Rohzustand, wo die noch einigermaßen weich ist, und wird dann in diesem Zustand gefräst. Und erst dann wird die gebrannt. Das Problem ist nur, dass die beim Brennen schrumpft. Das heißt, man muss genau wissen, welchen Schrumpf dieses Ding hat und die dann bei dieser Rohfräsung entsprechend ein bisschen größer machen, damit sie nachher, wenn sie dann gebrannt ist, exakt die Größe hat, die sie braucht.
[02:45:37] Ja, okay, verstehe. Okay. Gibt es… Eigentlich sind wir ja bei dem Thema Behandlung, Therapie von Zahnerkrankungen. Gibt es medikamentöse Behandlungen, jetzt außer Schmerzmitteln? Gut, wenn man eine Entzündung hat, würde man ja an Antibiotika denken.
[02:45:58] Ja.
[02:45:59] Oder bei einer Pilzerkrankung gibt es auch irgendwelche Medikamente.
[02:46:01] Nein, bei Pilzerkrankungen wären natürlich Antibiotika genau das Falsche.
[02:46:04] Ja, genau, aber da kann man dann auch Medikamente nehmen, ja.
[02:46:07] Da nimmt man Antipilzmittel.
[02:46:10] Und bei so einer Parodontitis?
[02:46:12] Bei einer Parodontitis ist die mechanische Behandlung das Wichtigste. Und die kann auch chirurgisch dann werden, wenn man diese Tasche unter Sicht gar nicht richtig reinigen kann. Da muss man Zahnfleisch aufklappen und das unter Sicht dann machen. Da können medikamentöse Behandlungen unterstützend wirken. Zum Beispiel gibt es ein Schmelz-Matrix-Protein, das dafür sorgt, dass sich Knochen neu bilden kann. Das heißt also, wenn ich dann einen Knochenabbau habe mit einer Knochentasche, habe das Ganze operiert, dann kann ich dieses Protein aufbringen und je nach Konfiguration des Defektes kann das dafür sorgen, dass da wieder neuer Knochen wächst. Sowas ist jetzt kein Allheilmittel, aber in bestimmten Indikationen bringt sowas tolle Erfolge. Das ist die eine Geschichte. Die andere ist, dass man auch in der Parodontitisbehandlung Antibiotika einsetzt. Zum Teil lokale, zum Teil auch systemische. Mit mehr oder weniger großem Erfolg, aber das ist auf jeden Fall eine ergänzende therapeutische Maßnahme in der Parodontitisbehandlung sind Antibiotika. Problem ist nur, ja, wenn ich es systemisch einsetze… Die Tasche ist im Prinzip extrakorporaler Raum. Also da kommen die Antibiotika nicht mehr so richtig gut hin, in die Tasche. Das ist ein Punkt. Deswegen setzt man oft lokale Antibiotika ein, aber in so einer entzündeten Tasche ist natürlich auch ein Auswärtsstrom von Entzündungsflüssigkeit, von Sulkusfluid, so dass da die Konzentration, die Wirkkonzentration des Antibiotikums auch immer relativ schnell wieder verpufft ist. Trotzdem setzt man es ein und auch durchaus mit Erfolg.
[02:48:11] Und Medikamente gegen Karies gibt es aber nicht?
[02:48:13] Medikamente gegen Karies gibt es nicht, nein.
[02:48:18] Dann lassen Sie uns doch zum Abschluss noch kurz über aktuelle Forschungsthemen sprechen. Wir sind ja nun hier an einer Hochschule und ein Thema hatten wir vorhin schon kurz, dass Sie gesagt haben – also ich weiß nicht, ob das ein Forschungsthema ist, aber ein aktuelleres Thema ist diese… Wie haben Sie das genannt? Diese Längsspaltung von Zähnen. Aber was ist denn… Was gibt es aktuell gerade so für Trends? Was guckt man sich an? In welche Richtung geht die Entwicklung?
[02:48:44] Das ist natürlich… Forschung ist ein weites Feld. Die geht ja von der Prävention über die Diagnostik zur Therapie.
[02:48:55] Ja, woran forschen Sie denn?
[02:48:58] Also ich forsche primär an allem, was mit Prävention zu tun hat. Ein Beispiel habe ich eben genannt, das ist die Bestimmung der Erosivität von Getränken. Und wie kann man Getränke weniger erosiv machen? Ein…
[02:49:17] Entschuldigung, wie läuft sowas ab? Also haben Sie da… Sie haben ja gesagt, Sie haben verschiedene Getränke untersucht. Haben Sie da Zähne, die Sie in die Getränke einlegen oder gibt es künstliche Zähne für sowas? Wie funktioniert das?
[02:49:30] Da haben wir eine eigene Methodik entwickelt, weil das ist gar nicht so einfach. Da gibt es verschiedene Methodiken, um sowas zu messen. Aber das ist alles extrem aufwendig. Wir hatten die Idee, dass wir… Also Rinderzähne nehmen wir.
[02:49:47] Die sind ähnlich wie Menschenzähne?
[02:49:49] Die sind so ähnlich wie Menschenzähne und die haben aber wesentliche Vorteile gegenüber Menschenzähnen. Erstens sind Rinderzähne größer, so dass man besser Proben daraus herstellen kann. Menschliche Zähne sind oft so klein und die werden ja auch erst gezogen, in aller Regel, wenn sie kaputt sind. Dann hat man keine… Und Weisheitszähne müssen oft zerlegt werden. Also das ist schwierig, an gutes menschliches Probenmaterial ran zu kommen. Und dann ist ein wesentlicher Nachteil bei menschlichen Zähnen, dass die von ihrer Mineralisation und Fluoridgehalt und von ihren Rissen, die die haben, je nachdem wie alt die sind, sehr unterschiedlich sind. Es ist ein Unterschied, ob Sie jetzt einen Zahn von einem 16-Jährigen haben oder von einem 80-Jährigen. Bei den Rinderzähnen, da spielen all diese Einflüsse keine Rolle. Da haben Sie eine Herde, die geschlachtet wird, die sind alle gleich alt, die sind alle gleich gefüttert worden, die haben das Gleiche zu trinken gekriegt. Da wissen Sie, das Material ist alles identisch. Und das macht die auch interessant dann für Forschung, weil dann weiß ich: Unterschiede, die ich da finde, die haben nichts mit dem Zahn zu tun. Das kann beim menschlichen Zahn, bei menschlichen Zähnen kann das immer passieren, dass die was damit zu tun haben, dass Sie jetzt einen haben, der seine Zähne gut fluoridiert hat, der andere nicht. Da weiß ich: Die Unterschiede, die ich da finde, die haben nur mit meiner Exposition, also mit irgendeiner Intervention eigentlich zu tun. So. Und da haben wir das so gemacht, dass wir aus diesen Rinderzähnen Proben hergestellt haben, sowohl aus Schmelz als auch aus Dentin, die absolut identisch waren. Die werden genau gleich geschliffen, die werden gewogen, dass sie genau das Gleiche wiegen. Und dann haben wir die für sieben Tage in diese Getränke reingeworfen. Und vorher gewogen, nachher gewogen und dann haben wir gesehen: Wie viel Hartsubstanz ist da eigentlich durch das Abätzen durch dieses Getränk verloren gegangen? Und das beziehen wir dann auf Wasser. Wir schmeißen auch immer eine Kontrollprobe in Wasser rein und dann kann man sehen: Okay, das ist so viel. Also bei Wasser passiert natürlich nichts nach sieben Tagen. Und bei Cola ist so viel passiert, bei Bonaqua Fruits passiert so viel, bei Fanta so viel, bei Orangensaft. So macht man das. Das ist eine einfache Methode, die sehr gut funktioniert. So, das ist eine Sache. Was wir auch machen, also wir machen sehr viele Untersuchungen so von Zahnbürsten zum Beispiel. Wir haben unten so eine computergesteuerte Putzmaschine, wo wir die unterschiedlichsten Zahnbürsten einspannen und programmieren können, wo man die erst mal in vitro untersuchen kann. Und dann kann man entscheiden, ob man damit weitere klinische Untersuchungen macht. Denn wir machen auch klinische Untersuchungen.
[02:52:48] Also klinische Untersuchungen heißt, mit echten Patienten?
[02:52:51] Mit Patienten. Zuletzt haben wir zum Beispiel eine gemacht, um herauszukriegen: Ist es eigentlich eher gut, eine Zahnbürste mit einem großen oder mit einem kleinen Kopf zu haben? Empfohlen werden ja immer so Kleinkopf-Zahnbürsten. Und ich habe das immer angezweifelt, dass das vernünftig ist. Und es ist auch so, dass es eher nicht so gut ist, weil eine kleine Bürste, da komm ich zwar überall hin, aber eine kleine Bürste reinigt auch weniger als eine große. Das ist so eine… so klinische Studien. Ja, wir machen auch eine Menge Studien zur Abrasivität von Zahnpasten und Zahnbürsten, das heißt also zur Frage: Wie viel Zahnhartsubstanz schrubbe ich mir im Laufe meines Lebens weg, wenn ich mit einer bestimmten Zahnpasta in Verbindung mit einer bestimmten Zahnbürste putze? Das ist etwas, was wichtig ist für die Information unserer Patienten, damit man da einfach eine gewisse Vorhersage machen kann.
[02:53:50] Und das geht dann auch über diese Zahnputzmaschine, die Sie schon erwähnt haben?
[02:53:52] Das geht über unsere Zahnputzmaschine, mit der wir wirklich so alles Mögliche simulieren können. Unterschiedliche Putzgeschwindigkeit, unterschiedliche Putzmuster, unterschiedlichen Druck. Und das kann man dann über fünf oder zehn Jahre, wie lange auch immer, mit und ohne Zahnpasta und… Ja, also alles Mögliche ist da eigentlich einstellbar.
[02:54:11] Welchen Zeitfaktor hat die so ungefähr? Also wie lange muss die in Betrieb sein, um zehn Jahre zu simulieren? So ganz grob?
[02:54:20] Da muss ich jetzt lügen, aber ich glaube, das kriegt man an einem Tag hin, weil wir gehen da natürlich so von gewünschten Zahnputzzeiten aus. Das heißt, wenn wir davon ausgehen, ein Mensch putzt pro Tag drei Minuten… pro Anwendung, sagen wir mal, drei Minuten seine Zähne. Das wären pro Tag sechs Minuten. Macht eigentlich kaum jemand, im Schnitt ist das sehr viel weniger. Aber davon geht man immer aus. Und dann ist es aber so, dass wir in diese Maschine kein ganzes Modell einspannen, sondern nur drei Zähne oder so. Und dann muss man das runterrennen. Das heißt also, drei Minuten für das ganze Gebiss runtergebrochen auf drei Zähne, das sind dann irgendwie nur noch zehn Sekunden. Das heißt, vielleicht 20 Sekunden für einen Tag. Das Jahr wären dann 7300 Sekunden. Also jedenfalls, das kriegt man in einem relativ kurzen Zeitraum, kriegt man das hin. Also innerhalb von Tagen. Ja, was machen wir noch?
[02:55:29] Ich muss kurz eine ketzerische Frage stellen: Ist das dann… Arbeiten Sie da dann eng mit der Zahnpasta- und Zahnbürstenindustrie zusammen oder wie geht das? Geben die hier Studien in Auftrag oder gucken Sie sich irgendwie 20 verschiedene Zahnbürsten an?
[02:55:45] Wir arbeiten natürlich viel für die Industrie. So in Entwicklungsphasen… Die Industrie, die will natürlich wissen, wenn sie sich irgendwie ein neues Zahnbürstendesign überlegt hat, bevor sie damit eine klinische Studie machen – das ist ja sehr aufwendig und sehr teuer – wollen die erst mal wissen: Ist das überhaupt klug, wie wir das gemacht haben? Und dann, da machen wir relativ viele Studien für die Industrie in der Entwicklung, das heißt das sind dann in aller Regel keine fertigen Produkte, die da untersucht werden. Wir arbeiten auch für Prüfinstitute. Also Prüfinstitute, bei denen wiederum die Industrie Aufträge gibt, oder auch unabhängige. Und machen natürlich auch – das dann insbesondere im Rahmen von Promotionsarbeiten – auch selbst initiierte. Wenn wir einfach wissen wollen: Da gibt es dieses Produkt, wie gut ist es denn und wie gut reinigt es in Relation zu einem anderen Produkt? Und was ist der Effekt einer Zahnpasta und so weiter und so fort. Also es ist eine bunte Mischung von allem. Wissenschaftlich verwertbar im Sinne auch von publizierbar sind in aller Regel nur die Studien, die wir selber… die selbst finanziert sind und die aus eigenem Antrieb gemacht werden, weil das Andere sind mehr so Entwicklungsgeschichten. So, wir machen aber auch klinische Studien, die selbst initiiert sind, aber auch für die Industrie. Wenn wir klinische Studien machen, wo es um vorhandene Produkte geht, dann bestehen wir immer auch darauf, dass wir diese Daten publizieren dürfen unabhängig davon, ob die gut oder schlecht ausgehen, weil es kann natürlich nicht sein, dass man bei Industrieprojekten nur die guten Daten publiziert und die schlechten verschwinden lässt. Das wäre Manipulation, sowas machen wir nicht. Nur, wenn es um Produkte geht, die noch in der Entwicklung sind, dann hat ja der Verbraucher sowieso nichts davon, wenn das ein Produkt ist, was er noch nicht kaufen kann und da sucht ja die Industrie dann auch erst nach Lösungen. Und dann wäre es auch unsinnig zu sagen: „Ich will das aber auf jeden Fall publizieren.“ Dann ist das für uns einfach nur so eine Auftragsarbeit, eine Dienstleistungsgeschichte.
[02:58:11] Und klinische Studie jetzt beim Thema Prävention sieht dann irgendwie so aus: Sie haben x Probanden, die benutzen Zahnpasta A und x Probanden, die benutzen Zahnpasta B und dann wird geguckt, wie sich das so verhält?
[02:58:22] Genau, so ungefähr. Ja. Also, genau, das sind dann üblicherweise randomisierte, kontrollierte Studien. Genau, wo man also zufallsbedingt die Testpersonen in die eine oder andere Gruppe schickt und die müssen dann… Bei Mundhygieneprodukten sind das in aller Regel acht Wochen. Ob das jetzt eine Mundspülung ist oder ob das eine Zahnbürste ist. Zahnpasten untersuchen wir eigentlich klinisch eher selten, wenn, dann nur im Bezug auf empfindliche Zahnhälse zum Beispiel, weil das Effekte sind, die relativ schnell eintreten und die man dann auch relativ schnell untersuchen kann. Die kariespräventive Wirkung einer Zahnpasta, die ist schon lange in Europa nicht mehr untersucht worden. Erstens weiß man, da gibt es genug Daten, die zeigen, dass funktioniert, Fluorid in Zahnpasten. Und zweitens bräuchte man da bei dem heutigen Kariesniveau unheimlich große Gruppen und sehr lange Laufzeiten. Und das ist… Also mehrere Jahre müssten diese Studien laufen. Und das ist auch für die Industrie kaum noch finanzierbar.
[02:59:33] Und eigentlich müsste man doch dann auch das Essen, das Essverhalten der Probanden kontrollieren, oder?
[02:59:40] Nein, nein.
[02:59:42] Das würde man dann über die Statistik rausmachen.
[02:59:44] Das macht man über die Randomisierung.
[02:59:45] Ja, okay.
[02:59:46] Deswegen braucht man da eine gewisse Größe an Probanden, an Testpersonen und deswegen müssen die zufallsgesteuert zugeteilt werden. Dann haben Sie das Vertrauen darauf, dass sich andere Einflussfaktoren, die das Ergebnis beeinflussen, dass sich die gleichmäßig auf die Gruppen verteilen. Das ist dann eigentlich auch so. Ja, was wir noch Besonderes machen, neben dieser Zahnputzmaschine, die auch eine Entwicklung von uns ist, wir haben hier eine sogenannte Telemetrie-Teststation. Also ich habe Ihnen ja vorhin erklärt, dass Karies dadurch entsteht, dass Plaque auf den Zähnen ist und wenn diese Plaque gefüttert wird, dann wird entsprechend Säure produziert und die sorgt dann dafür, dass ein Loch im Zahn entstehen kann. So, jetzt ist es natürlich ein Anliegen herauszubekommen, wie kariesauslösend ein bestimmtes Nahrungsmittel ist. Und das ist schwierig zu messen. Und dafür haben wir eine sogenannte Telemetrie-Station. Wir haben also Testpersonen, die mit einer… eine Zahnlücke müssen die zunächst mal haben. Und dann haben die eine herausnehmbare Prothese. In diese herausnehmbare Prothese eingebaut ist eine kleine handgeblasene Glaselektrode. Und die bauen wir so ein, dass sie in den Zwischenraum zwischen dem ersten künstlichen Zahn, der in der Prothese steckt und dem letzten echten Zahn ragt. Das heißt, die misst im Grunde genommen in einem Zahnzwischenraum. Dann dürfen die Testpersonen je nach Versuchsansatz zwei bis vier Tage die Zähne nicht putzen, so dass da auf dieser Elektrode auch Plaque drauf ist. Dann kommen die zu uns in die Teststation, werden angeschlossen, das geht dann über ein Kabel, da ist so ein… ist also nicht nur die Elektrode drin in dieser Prothese, sondern auch eine kleine Steckdose, die natürlich speicheldicht verschraubt ist. Die wird dann freigelegt, dann kommt da ein Stecker drauf, dann werden die an so einen Signalverstärker mit pH-Schreiber angeschlossen und dann kriegen die die Testprodukte zu essen. Und dann können wir sehen, wie der pH-Wert unter diesen bakteriellen Zahnbelägen verläuft, während die etwas Bestimmtes essen und wie das dann 30 Minuten danach noch aussieht. Und daraus kann man dann erkennen, ob so ein Produkt, ob das Karies verursachen kann oder nicht. Und das ist auch ein anerkannter Test für die Aktion Zahnfreundlich. Das kennen Sie vielleicht, dieses Zahnmännchen mit Schirm. Das ist so ein Logo, was an Produkte vergeben wird, die garantiert keine Karies und keine Erosion – das messen wir damit auch – verursachen können. Und wer also so ein Produkt hat und das Zahnfreundlich-Logo haben möchte, der kann unter anderem bei uns das messen lassen. Solche Teststationen gibt es drei Stück in der Welt, eine in Zürich, eine in Peking und eine bei uns. Und das ist eigentlich auch etwas, worauf wir so ein bisschen stolz sind, weil es das nicht so oft gibt und weil es wirklich auch eine relativ, auch wenn sich das jetzt vielleicht einfach anhört, eine relativ schwierige Geschichte ist.
[03:03:28] Das glaube ich, ja. Und diese Kurven mit dem pH-Wert, die sehen dann wahrscheinlich so aus wie diese Kurven, die auf den Zahnpflegekaugummis drauf sind, oder?
[03:03:39] Ja, so ähnlich sehen die aus. Die sind nur über einen längeren Zeitraum aufgezeichnet und wir können da ein bisschen differenziertere Analysen mit machen.
[03:03:48] Okay. Gut, mir fallen jetzt keine Fragen mehr ein, außer eine, die ist mir jetzt im Nachhinein noch gekommen, eigentlich zu diesem Thema Implantate: Zähne transplantiert werden nicht?
[03:04:02] Doch.
[03:04:04] Von einem Menschen zu einem anderen?
[03:04:05] Nein, das macht man nicht. Wenn, dann transplantiert man nur innerhalb eines Menschen, wobei mein Eindruck ist, dass man das heute auch nicht mehr so oft macht. Das hat man während meiner Studienzeit öfter gemacht und ich glaube, es ist auch nicht so oft gut gegangen.
[03:04:24] Wieso würde man das wollen?
[03:04:26] Das macht man zum Beispiel bei Jugendlichen, die relativ früh zum Beispiel den ersten Backenzahn verloren haben. Und wenn man dann sieht, dass die einen angelegten Weisheitszahn haben, für den sowieso kein Platz ist, dann nimmt man diesen Weisheitszahn am besten noch in Form des Zahnkeimes, wenn der noch gar nicht fertig ausgebildet ist, gräbt man den hinten an der Weisheitszahnstelle aus und bohrt ein Loch in den Knochen an der Stelle, wo ein Zahn fehlt, setzt den da rein und der wächst dann da als Zahn raus.
[03:05:00] Und die Form wird dann so wie das als Weisheitszahn wäre?
[03:05:03] Ja, wie als Weisheitszahn. Der ist ja natürlich programmiert als Weisheitszahn.
[03:05:07] Das heißt, den muss man dann vielleicht noch ein bisschen abschleifen oder sowas?
[03:05:09] Ja, das kann sein. Ja, genau. Oder auch wenn die schon ein bisschen weiter entwickelt sind, macht man das. Aber die dürfen noch kein abgeschlossenes Wurzelwachstum haben, sonst hat man da keine Chance. Sowas macht man gelegentlich, aber ich glaube auch, dass das, einfach weil der Erfolg unsicher ist, dass das heute doch weitgehend den Implantaten gewichen ist. Also in so einem Fall würde man dann wahrscheinlich heute auch, bevor man einen Zahn transplantiert, eher auf ein Implantat übergehen.
[03:05:39] Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum man nicht von einem Menschen zu einem anderen transplantiert. Da sind die Risiken einfach so viel höher als das, was man da davon gewinnt, oder? So mit Abstoßung und was weiß ich, Spendergeschichten und so.
[03:05:52] Ja, also wenn man eine künstliche Leber mit der Erfolgswahrscheinlichkeit eines Zahnimplantates bauen könnte, dann würde man auch keine Lebern und andere Organe und auch keine Herzen mehr transplantieren. Also ich meine, da müsste man ja dann jemanden finden, dessen Blutgruppe genau passt und es müsste dann auch noch jemand sein, der noch kein abgeschlossenes Wurzelwachstum hat, weil Zähne mit abgeschlossenem Wurzelwachstum können Sie nicht mehr transplantieren.
[03:06:21] Die wachsen nicht mehr an einfach?
[03:06:22] Nein, die wachsen nicht mehr an. Und da ist man auf jeden Fall dann mit einem Implantat besser dran.
[03:06:28] Gut, haben wir noch irgendwas ganz Wichtiges vergessen, was Sie noch unbedingt loswerden wollen?
[03:06:35] Ich glaube, wir haben über eine Menge Themen gesprochen. Es gibt immer Dinge, über die man auch noch hätte sprechen sollen, aber mir fällt ehrlich gesagt nichts mehr ein.
[03:06:44] Gut. Ganz herzlichen Dank, war ein sehr interessantes Gespräch.
[03:06:47] Bitte sehr, das hat mir Spaß gemacht.